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Der Birsig im alten Basel
© by altbasel.ch

Die Keimzelle Basels liegt auf dem Münsterhügel, wo schon Kelten und Römer siedelten. Zu Füssen des Hügels fliesst der Birsig zum Rhein. Sein Tal prägt noch heute das Bild der Innenstadt, auch wenn der Fluss selbst längst nicht mehr zu sehen ist. Als er noch offen floss war der Birsig im Mittelalter die Lebensader der Talstadt, die sich am Fusse des Münsterhügels entlang seinen Ufern entwickelte.

birsig heuwaage

An der Heuwaage verschwindet der Birsig seit dem 19.Jh im Untergrund. Einst floss er am oberen Ende der Steinenvorstadt durch ein Wassertor in der Stadtmauer des 14.Jh in die Stadt hinein.

Frühe Siedlung am Birsig

Es liegt nahe dass ein fliessendes Gewässer die Entwicklung einer Siedlung förderte und auch die Grundlage für die Entstehung von Gewerbe bot, welches auf Wasser angewiesen war. Am Fusse des Petersbergs entstand etwa am Ort des heutigen Spiegelhof ab dem 9.Jh eine Siedlung wo unter anderem Metall und Leder verarbeitet wurde. Die frühen Basler am Birsig wohnten in schlichten Holzhäusern.

Im 10. und 11.Jh wurde der Lauf des Birsig eingedämmt. Ausgrabungen an der Stadthausgasse 20 förderten 1981 mächtige Eichenstämme zutage, die von der frühen Uferverbauung stammten. Der zuvor frei fliessende Birsig wurde unter Kontrolle gebracht, womit die Grundlage für eine sichere Besiedlung entlang seiner Ufer geschaffen wurde. Der heutige Block Stadthausgasse 10 bis 24 erlebte die stufenweise Besiedlung.

Wo heute die Marktgasse verläuft floss einst der Birsig. Seine Ufer wurden zunächst mit Eichenstämmen verbaut. Aus dem 11.Jh fand man die Reste quadratischer kleiner Häuser an der späteren Stadthausgasse, die ca im 12.Jh miteinander verbunden wurden. Zum Ende des 13.Jh schob man dann ihre rückseitigen Fassaden bis direkt ans mittlerweile besser befestigte Ufer des Birsig, wo sie noch heute eine Flucht an der Marktgasse bilden.

Wassertore und Brücken

Der Birsig gab dem Steinenquartier seinen Namen, denn es war sein mit Steinen bedecktes Ufergebiet welches zum Ursprung der Redewendung "in der Steinen" führte. An der oberen Steinen floss der Fluss auch seit dem ausgehenden 14.Jahrhundert neben dem Steinentor in die Stadt. Vor dem Bau der äusseren Stadtmauer lag der Einfluss des Birsig an Fusse des Steinenbergs beim sogenannten Wasserturm der alten Stadtmauer aus dem 13.Jh.

Ein noch älterer Einfluss lag vermutlich beim heutigen Barfüsserplatz am Eingang zur heutigen Falknerstrasse. Es gibt Hinweise darauf, dass die Stadtmauer des Bischofs Burkhard von Fenis aus dem späten 11.Jh (deren Verlauf mit dem der Mauer des 13.Jh an anderen Orten identisch ist) an dieser Stelle ein Wassertor hatte. Ein Indiz dafür ist etwa das Haus "Grosses Tor", welches einst am Platz des Samson-Brunnens stand.

steinen und falknerstrasse

Der Birsigparkplatz auf dem Bild links gehört zu jenem Abschnitt der erst 1948/50 überdeckt wurde. Im Bild rechts ist die 1900 eröffnete Falknerstrasse zu sehen, wo bis um 1890 der Birsig offen floss.

Schon im Mittelalter wurde mit der Überdeckung des Birsig begonnen. Der heutige Barfüsserplatz war lange durch den offenen Birsig geteilt. Nahe der Stelle wo heute die Streitgasse auf die Falknerstrasse trifft (evt. Ort eines frühen Wassertors), lag einst eine der Brücken die den Fluss in der Stadt überspannten - der 1299 erstmals erwähnte Barfüssersteg. Daneben befand sich, wohl ab Beginn der 1430er Jahre, die "Obere School".

Die Obere School war ein Schlachthaus, wie es bereits eines nahe des Marktplatzes gab. Die Lage der School, den Birsig überspannend, ist kein Zufall. Der unter dem Haus fliessende Fluss musste vermutlich so manche Ladung Schlachtabfälle zur Entsorgung aufnehmen. Der Birsig hatte nebst dem Barfüssersteg weitere Brücken in der Stadt. In der Steinenvorstadt gab es am Fuss des Klosterbergs und bei der Weberzunft eine Brücke.

Bei der alten Stadtmauer am Fusse des Steinenbergs führte beim Wasserturm eine Brücke über den Birsig. Nach dem genannten Barfüssersteg gab es im Bereich der Weissen Gasse den "Snürlinssteg", auch Richtbrücke oder Weisse Brücke genannt. An der heutigen Rüdengasse gab es den "Menlinssteg" (auch "Kuttelbrücke"). Bei der "Grossen School" überspannte an der Sattelgasse die "Schintbrücke" (auch Schlagbrücke) den Fluss.

Über die "Neue Brücke" (auch Edelleutebrücke, vermutlich wegen der nahen Trinkstube "zum Seufzen" des Adels) an der Eisengasse, eine Brücke am Fischmarkt und einen Steg am Salzturm bei der heutigen Schifflände konnte auch im letzten Abschnitt der Fluss überquert werden. Im 13.Jh folgte eine Korrektion des Flusslaufes. Um etwa 1260 überwölbte man den Birsig am heutigen Marktplatz und schuf eine grosse nutzbare Fläche.

Ständige Hochwassergefahr

Bis ins 16.Jh folgte die Überwölbung des Birsig beim Barfüsserplatz. Eine Partie bis zum heutigen Blumenrain wurde 1760 überdeckt, aber lange Strecken blieben offen. Der Birsig war bei starken Regenfällen eine ständige Hochwassergefahr. 1267 unterspülte er Teile des Steinenklosters so sehr dass teilweise Mauern einstürzten. 1339 wurde das Kloster erneut heimgesucht und auf dem Kirchhof der Barfüsser wurden Leichen aus den Gräbern gespült.

gedenktafel

Messingtafel am südlichen Pfeiler des mittleren Portals der Erdgeschosshalle des Rathauses, gefertigt 1537 durch Conrad den Zapfengiesser. Sie erinnert an die beiden katastrophalen Hochwasser des Birsig von 1529/30 und zeigt den Hochwasserstand jener Tage an.

Im Januar 1374 konnte man wegen eines Hochwassers am Fischmarkt nur mit Booten verkehren. 1446 brachten die Fluten des Birsig sechs Häuser zum Einsturz, und mehrere Gebäude und Menschenleben forderte die Birsigflut 1491. Von einer regelrechten Katastrophe im 16.Jh berichtet heute noch eine Messingtafel am Rathaus, welche den Stand des Hochwassers markiert. Man ergriff besondere Massnahmen um sich vor Hochwasser zu schützen.

Um den freien Lauf des Birsig zu sichern verbot eine Wasserordnung im Jahr 1531 (mit Erneuerungen 1686 und 1751) das Errichten von Überbauungen unterhalb der Hochwasserlinie. Auch wurde es verboten, Mist, Kies und Abfall im Birsig zu entsorgen. Letzteres wurde aber kaum befolgt, weshalb der Birsig bis ins 19.Jh eine üble Kloake war. Das Bett des Flusses war sehr unregelmässig und die meiste Zeit im Jahr führte er nur wenig Wasser.

Eine stinkende Kloake

Im Bett des Birsig sollten an der Uferlinie angelegte Rinnen dafür sorgen, dass jener Unrat weggeschwemmt wurde den man aus den Häusern unmittelbar am Ufer in den Fluss warf. Die Rinnen wurden bei jedem Hochwasser zerstört und mussten alle paar Monate neu ausgehoben werden. Im 19.Jh gab 125 Abtritte entlang des Birsig. Man nannte diese stillen Örtchen gemäss ihrem gesamten Erscheinungsbild "Orgelpfeifen".

Zu den Abtritten kamen 16 Dolen die Abwasser in den Fluss leiteten. In den heissen Monaten des Jahres verbreiteten nicht nur die Fäkalien einen üblen Gerucht, sondern auch die Kadaver von Tieren die man oft einfach in den Birsig warf. Bis in die 1870er Jahre gab es zudem beim heutigen Marktplatz die School (Fleischhalle mit Schlachthaus) der Metzger, wo man zuweilen Schlachtabfälle im unter der School fliessenden Birsig entsorgte.

Bei der Entsorgung all des Unrats im Bett des Birsig verliess man sich noch im 19.Jh vielfach auf das Hochwasser. Da der Fluss wenig Gefälle hatte, blieb dennoch vieles liegen das er nicht wegzutragen vermochte. So musste alle paar Jahre ein Trupp Kohlenberger (Leute niedriger sozialen Schichten, die auf dem Kohlenberg lebten und zu Arbeiten herangezogen wurden, die "anständige" Bürger nie verrichtet hätten) das Flussbett säubern.

birsig beim blumenrain

Der kanalisierte und überwölbte Birsig beim Blumenrain. Hier wurde der Verlauf des Flusses im 19.Jh um einige Meter rheinabwärts verlegt. Man erkennt an den Seitenwänden bis wohin der Pegel reicht wenn der Birsig viel Wasser führt.

Der Birsig - eine Seuchengefahr

Es mag für die Anwohner des Birsig bequem gewesen sein, dass sie ihren Hausabfall im Fluss hinter dem Haus entsorgen konnten. Doch der lockere Umgang mit dem Gewässer sollte sich rächen. Das seichte Gewässer voller menschlicher Fäkalien und anderem wurde zur Gefahr für das Grundwasser. Der Birsig war nicht die Ursache der Cholera asiatica die von Juli bis August 1855 über Basel kam - aber er war sehr dazu geeignet die Seuche zu verbreiten.

Ausscheidungen kranker Menschen landeten im Birsig. Der Fluss war im Sommer zu spärlich bewässert um alles wegzuschwemmen. So wabberten Exkremente in seinen Pfützen in der Sommersonne. Es braucht nicht viel medizinisches Wissen um zu ahnen dass dies gefährlich war. Fast vierhundert Menschen erkrankten in Basel während dieser Choleraepidemie - über zweihundert von ihnen starben daran. Schlimmeres sollte ein Jahrzehnt später folgen.

Mit dem Abdominaltyphus kam 1865 eine Infektionskrankheit nach Basel, deren Übertragung über verunreinigtes Wasser und verunreinigte Nahrungsmittel erfolgte. Der offene Birsig war ein echter Seuchenherd voller Bakterien. Über 3700 Menschen erkrankten 1865/66 an Typhus und 450 von ihnen starben daran. Nach diesen zwei Epidemien wurden endlich vermehrt Stimmen laut, die eine Bereinigung der unhygienischen Verhältnisse forderten.

Es war klar dass der offene Birsig mit seinen Begleiterscheinungen eine Gefahr für die Gesundheit der Einwohner war. Aber baslerische Sparsamkeit verhinderte zügige Massnahmen. Einige Kreise drängten darauf das Flussbett einfach zu überwölben und das Problem lediglich optisch zu beseitigen. Andere glaubten dass man bloss die Flussrinnen an beiden Ufern zu verbessern bräuchte. Beide Alternativen waren keine wirkliche Lösung.

ausfluss

Der Ausfluss des Birsig in den Rhein bei der Schifflände. Dort wo der Fluss vor rund 650 Jahren in den Rhein floss gab es zuweilen einen Schwemmkegel der wegen des tiefen Wasserstandes aus dem Strom ragte. Darauf wurden in einem Holzhaus am 16.Januar 1349 die Basler Juden verbrannt.

Der Birsig verschwindet im Boden

Der Versuch ein Projekt zur Kanalisierung zu lancieren scheiterte 1876 an einem Novum. Erstmals kam in Basel ein Referendum zum Zuge und das Volk verwarf das Vorhaben. Hinter der Ablehnung standen zum einen die Besitzer anliegender Häuser welche hohe Kosten mit der Sanierung befürchteten. Zum anderen war man auch der Meinung, dass der Bau einer zweiten Rheinbrücke vorerst wichtiger war. 1885 fand dann eine erste Teilkorrektion Billigung.

Am Ende der gesamten Arbeiten stand die weitgehende Überwölbung des Birsig mit der Sanierung seines Betts. Begonnen wurde mit dem Abschnitt zwischen Hauptpost und Barfüsserplatz. Dort verschwanden 1887/90 die hölzernen "Orgelpfeifen" an den Hausfassaden. Die archaischen Toiletten wurden durch Balkone ersetzt und der Birsig wurde eingemauert. In einer zweiten Etappe folgte 1897 die Überwölbung der Partie zwischen Fischmarkt und Schifflände.

Der überwölbte Abschnitt zwischen der Hauptpost und dem Barfüsserplatz sollte als neue Verkehrsader genutzt werden. Das Projekt wurde 1898 vom Grossen Rat verabschiedet und bis 1900 vollendet. Die zuvor durch die obere Gerbergasse verlaufende Tramlinie konnte dann durch die neue Strasse geführt werden, die man nach dem 1898 verstorbenen Regierungsrat Rudolf Falkner (Vorsteher des Baudepartements) "Falknerstrasse" nannte.

Mit der vollständigen Überdeckung des Birsig zwischen Schifflände und Barfüsserplatz war um 1900 die erste Etappe der Überwölbung abgeschlossen. Es sollte fast ein halbes Jahrhundert dauern bevor die zweite Etappe angegangen wurde. 1948/50 deckte man die Partie in der Steinenvorstadt ein, die heute den Birsigparkplatz bildet. Den Abschluss bildete 1953 die ergänzende Überwölbung des Birsig unterhalb Heuwaage, wo er heute im Untergrund verschwindet.

ausfluss

Einfassung des Birsig in ein Betonbett oberhalb der Heuwaage beim sogenannten Nachtigallenwäldchen zu Beginn der 1960er Jahre.



Interne Querverweise:

>> Basel und seine Wasserversorgung

>> Baden im alten Basel

>> Rundgang im Wasserturm auf dem Bruderholz




Beitrag erstellt 15.06.05 / Korrektur Quellen 08.01.17

Quellen:

Rolf d'Aujourd'hui/Pavel Lavicka, Beitrag "Grabungen in der mittelalterlichen Talstadt - Altstadtsanierungen und Leitungsbauten", in Jahresbericht 1979 der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Band 80, herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Basel, 1980, Seiten 280 bis 303

Rolf d'Aujourd'hui/Pavel Lavicka, Beitrag "Zusammenfassende Bemerkungen zu den Sondierungen in der mittelalterlichen Talstadt", in Jahresbericht 1981 der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Band 82, herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Basel, 1982, Seiten 307 bis 319

Othmar Birkner/Hanspeter Rebsamen, Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920: Basel, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern, 1986, Seite 150

Emil Blum/Theophil Nüesch, Basel Einst und Jetzt, Eine kulturhistorische Heimatkunde (Textband), Verlag Hermann Krüsi, Basel, 1913, Seiten 86 bis 87

Albrecht Burckhardt, Demographie und Epidemiologie der Stadt Basel, Friedrich Reinhardt/Universitätsdruckerei, Basel, 1908, Seiten 57 bis 58 und 63

Christoph Philipp Matt, Beitrag "Märthof, Marktgasse 21-25/Eisengasse 16/34, 1980/1:Vorbericht", in Jahresbericht 1980 der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Band 81, herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Basel, 1981, Seiten 325 bis 328

Eugen Anton Meier, Basel Einst und Jetzt, 3.Auflage, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1995, ISBN 3-85815-266-3, Seiten 46 und 47

André Salvisberg, Die Basler Strassennamen, Christoph Merian Verlag, Basel, 1999, ISBN 3-85616-104-X, Seiten 104 und 165

Jahresbericht 1985 der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Band 86 Nr.2, herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Basel, 1986, Fundbericht, Seiten 151 bis 155

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