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3. August 1833 - 13.30 Uhr bis 15.00 Uhr, Abschnitt 1

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Bei der Basler Miliz beginnt die wilde Flucht

Wachtmeister Rudolf Hauser sah von der Wartestellung seiner Schützenkompanie aus den Zusammenbruch der Disziplin bei den Basler Truppen. Vor wenigen Minuten hatte er noch mit Oberst Benedikt Vischer gesprochen, ihn beschworen nochmals angreifen zu lassen. Doch Hauser musste erkennen dass der oberste Befehlshaber der Basler Truppen resigniert hatte. Vischer hatte ihn gefragt, was man denn machen solle, nun da die Milizinfanterie den weiteren Vormarsch verweigert habe? Hauser meinte, dass man dann eben geordnet zurückgehen müsse um den Rücken frei zu haben.

Der Schützenwachtmeister hatte erkannt was zu tun gewesen wäre. Aber er begriff dass Oberst Vischer keine Befehlsgewalt mehr über seine Truppen hatte. Er sah Hauptmann Theodor Kündig, wie er geschlagen vom Gefechtsfeld kam. Ihm folgten verschwitzte und blutverschmierte Männer der Standeskompanie. Dann geschah es - anstatt die zurückkehrenden Stänzler schützend aufzunehmen und zu decken, begann die Miliz davonzulaufen. Zurück blieb die abgekämpfte und von Verlusten geschwächte Standeskompanie. Nach hartem Kampf musste sie nun auch alleine die panische Flucht der Basler decken.

Beunruhigt sah Wachtmeister Hauser dass auch der Feind die Lage erfasst hatte. Auf dem Erli und den anderen Höhen wurden die Baselbieter lebhaft und rannten hangab ins offene Rebgelände der Hard zu. Es war offensichtlich dass sie den Basler Truppen den Rückzug auf der Landstrasse abschneiden wollten. Als dann eine 4pfünder Kugel von der Birch nahe den Basler Scharfschützen einschlug, brach auch hier Panik aus. Viele flohen mit einem Teil der Milizinfanterie den Hang hinunter am Verbandsplatz vorbei zur Strasse am Rheinufer. Hauser beobachtete das Spektakel mit Verachtung.

allgemeine ansicht

Blick von der vorderen Ruine auf dem Muttenzer Wartenberg mit der Lachmatt im Vordergrund. 1 bezeichnet den Anmarschweg der Mannschaften aus dem Birseck. 2 zeigt das brennende Pratteln. 3 markiert den Westhang des Erli, auf dessen anderer Seite sich der Kampf um die Griengrube abspielte.

Die Birsecker legen sich den Basler in den Weg

Joseph Gutzwiler marschierte mit seinen Kameraden ungeduldig dem Gefechtslärm entgegen. Die Birsecker unter Jakob von Blarer folgten der Landstrasse entlang der Hard, die von der Lachmatt nördlich an Pratteln vorbei führte. Als sie auf der Landstrasse dem Gefechtslärm näher und näher kamen, gerieten die Männer von Blarer ins Schussfeld der eigenen Artillerie. Begles Geschütze auf der Birch feuerten in die fliehenden Basler Truppen auf der Landstrasse. Dabei wurden wiederholt die Basler überschossen und zwei Kanonenkugeln gingen nahe den heranrückenden Birseckern nieder.

Vor Pratteln angelangt, sahen sich Blarer Männern unvermittelt dem Feind gegenüber. Die bespannte Basler Artillerie war dabei sich zurückzuziehen und kam direkt auf Joseph Gutzwilers Truppe zu. Erst auf ungefähr hundert Meter Distanz erkannten die Gegner einander. Jakob von Blarer schrie seinen Leuten zu, sofort von der Strasse runterzukommen. Die Birsecker warfen sich links und rechts der Strassegräben ins Gras und machten ihre Gewehre schussbereit. Gleichzeitig protzen die Basler zwei ihrer Kanonen ab um den sich im Feld verteilenden Gegner mit Kartätschen zu beschiessen.

Die Kanonen auf der Birch ziehen ab

Die auf dem Feld verteilten Birsecker boten dem Geschützfeuer kein gutes Ziel. Als klar war dass der Feind geschlagen war, hörte man von den Anhöhen Hurrarufe der Baselbieter die begannen den Fliehenden zu folgen. Die Birsecker wichen ständig schiessend vor der Basler Kolonne auf der Landstrasse zur Hard zurück. In offenem Gelände konnten sie sich ihnen nicht entgegenstellen. Waren aber Gutzwiler und seine Kameraden erst beim Wald angekommen, würden sie aus dem Schutze des Unterholzes den Weitermarsch der Basler aufhalten. Deren Weg nach Muttenz führte am Waldrand entlang.

Hauptmann Martin Begle sah mit seinen Kanonieren von der Birch aus dass die Basler sich zurückzogen. Sie wurden verfolgt von den siegreichen Baselbietern. Auch die Verstärkung aus dem Birseck war herangerückt und dabei ins Schussfeld seiner Artillerie geraten. Freund und Feind standen sich immer näher und waren ständig in Bewegung. Deswegen war es nun schlicht zu gefährlich geworden, dort einfach hineinzuschiessen. Begle liess aufprotzen damit die 4pfünder über Augst nach der Hard gebracht werden konnten, um an der Verfolgung der fliehenden Basler aktiv teilzunehmen.

Der Verbandsplatz muss schnell evakuiert werden

Carl Gustav Jung und Emil von Speyer arbeiten fieberhaft auf dem Verbandsplatz. Mehr und mehr Verwundete wurden heruntergebracht. Auch Oberstleutnant Johannes Burckhardt war hier verarztet worden. Man hatte dem Kommandanten der Standeskompanie eine Musketenkugel aus dem Gelenk des rechten Fusses operiert. Danach eilte jemand zum Roten Haus um eine Chaise zu besorgen. Der hohe Offizier sollte nicht zusammen mit gemeinen Soldaten auf ein strohgepolstertes Fuhrwerk gelegt werden. Während Soldaten am Verbandsplatz vorbei flohen waren die Ärzte noch intensiv beschäftigt.

Die Schüsse kamen näher. Dann war das Rasseln der Artillerie zu hören, die oben auf Landstrasse Richtung Muttenz vorbeifuhr. Die Truppe begann abzuziehen und liess die Ärzte zurück. Es waren nur noch wenige Verwundetenwagen da. Rasch wurden letzte Verbände angelegt. Es wurde vollendet was möglich war. Nicht Gehfähige wurden wurde auf die Wagen gelegt. Für die Mediziner blieb am Ende nur noch die Flucht auf eigene Faust. Einige eilten zum Rhein, wo Dr. Karl Ryhiner ans deutsche Ufer entkommen konnte, während Dr. Carl Gustav Jung auf einem Weidling entkam und andere nach Augst flohen.

Tod beim Hohenraingut

Unter den fliehenden Soldaten sah Rudolf Hauser auch einzelne Fuhrwerke die mit Verwundeten beladen waren. Einer der Wagen kippte am Hang des Raines um bevor er auf die Landstrasse gelangte. Hauser half den Wagen aufzurichten und die herausgestürzten Verwundeten wieder einzuladen. Auf der Landstrasse sah er dann auch den Wagen wieder den die Scharfschützen am Morgen von St.Jakob mitgebracht hatten. Er war beladen mit vier Verwundeten und sollte später eine dramatische Rolle spielen. Die zurückgehenden Basler Truppen auf der Landstrasse erreichten das Gut beim Hohen Rain.

Remigius Frey-Werenfels, Vogt auf Münchenstein, hatte im 17. Jahrhundert auf dem Hohen Rain 20 Jucharten Land gekauft. Dort liess er ein Hofgut erbauen - den ersten Basler Landsitz Prattelns. Mit Matthis Oswald hatte 1807 der Oberbüchsenmeister der Basler Feuerschützen das Gut erworben und es 1814 umbauen lassen. Die helle Fassade der Scheune mit ihrem Krüppelwalmdach war hinter einer Reihe kleiner Bäume von der Strasse aus zu sehen. Das Wohnhaus verbarg sich hinter grösseren Bäumen. Doch um darauf zu achten hatten vorbeihetzende Basler wie Kaspar Oser keine Zeit.

Im Zivilleben war Oser kaufmännischer Angestellter bei der Firma Vischer & Söhne. Schon beim Auszug im August 1831 war er mit sieben Mann kühn in die Gassen von Liestal vorgedrungen. Als Feldweibel der Miliz hatte er sich am 3. August 1833 der Standeskompanie angeschlossen. Er übernahm die Führung des zweiten Zuges der Vorhut unter Lukas von Mechel. Vom ersten Zug war bereits Feldweibel Xaver Staub gefallen. Nun geriet Osers Zug ins Feuer der Birsecker von Blarers, die sich im Feld verteilt hatten. Eine ihrer Kugeln traf Kaspar Oser tödlich. Seine Leiche wurde liegengelassen.

Von Blarers Birsecker hatten sich vor den anrückenden Baslern als Schützenkette auf den Feldern beidseits der Landstrasse verteilt, wo sie bereits von zwei Kanonen beschossen worden waren. Doch nach wie vor blieben sie gefährlich. Ihr ständiges Schiessen motivierte noch einmal die Basler. Deren Vorhut stürmte zum Bajonettangriff über das offene Feld auf die gegnerischen Schützen. Von Blarers Leute hatten bereits vor den Kanonen der Basler zurückgehen müssen. Auf einen Nahkampf mit ihrer Infanterie liessen sie sich nicht ein. Sie zogen sich schiessend zurück bis zum Waldrand der Hard.



Infobox - Die Baselbieter Infanterie am 3. August 1833

ein schuetze der mannschaft von blarers

Die Baselbieter Streitmacht war 1831 aus der Basler Landmiliz hervorgegangen. Sie zogen in Werktagskleidern ins Feld weil Ihre Miliz-Uniformen hätten zu Verwechslungen mit dem Truppen der Stadt führen können. Sie liessen sich auf keinen offenen Feldkampf mit den geschlossenen Basler Verbänden ein, sondern kämpften in lockeren und beweglichen Formationen. Die Landmiliz war von Basler Offizieren befehligt worden. Da diese nun fehlten, übernahmen andere die Führung. Dabei waren Männer wie Jakob von Blarer mit Erfahrungen in fremden Kriegsdiensten wichtig.


Beim Roten Haus

Remigius Merian sah einen Basler in Begleitung eines Soldaten zum Wirtshaus kommen. Sie baten ihn um eine Chaise für den verwundeten Oberst Burckhardt. Von den beiden erfuhr Merian dass die Basler begannen sich zurückzuziehen. Die Bitte nach der Chaise schlug er ab. Er wusste genau dass er später weder Pferd noch Wagen zurückbekommen würde. Freiwillig gäbe er nichts heraus. Während des Gesprächs hallten zunehmend lautere Schüsse. Im Wald war das Rufen der Baselbieter zu hören. Das Gefecht rückte beängstigend nahe. Der Basler und der Soldat gingen ohne Wagen wieder weg.

Die Knechte Merians verbarrikadierten den Hofeingang. Unvermittelt zischten Musketenkugeln an ihnen vorbei. Sie liessen alles fallen und rannten davon. Merian suchte beim Brunnen hinter dem Haus Schutz. Kugeln schlugen ins Dach ein und Ziegelsplitter fielen herunter. Ein durstiger Standessoldat kam zum Brunnen. Er erzählte vom Chaos bei den fliehenden Truppen. Immer mehr Soldaten auf der Flucht kamen aus den nahen Reben zum Roten Haus. Unter ihnen der 30jährige Milizoffizier Ludwig Oswald. Aufgeregt ging Merian den Baslern entgegen und rief ihnen zu, dass sie weitergehen sollten.

Das Rote Haus war kein sicherer Ort. Die Baselbieter standen bereits in Rufweite. Wer hier blieb drohte umzukommen. Mit rasendem Herzen schritt Merian auf Aide-Major Oswald zu und herrschte ihn an "Um Gottes Willen, was habt ihr angestellt!" Der Basler Offizier antwortete betreten, dass man nun wohl im Dreck sitze. Merian beschwor ihn mit seinen Soldaten weiterzugehen. Dieser Ort sei gefährlich und der Gegner schon nahe. Oswald fragte nach einem Boot, aber es war keines mehr da. Während ihres Wortwechsels sah Merian mit Unbehagen noch mehr Basler Soldaten herankommen.

Hauptmann Stehlin rettet eine Kanone

Von Blarers Männer zogen sich zwar zurück, aber eine andere Gefahr drohte der Rückzugskolonne auf der Landstrasse am Hohen Rain. Von den Hängen über Pratteln rannten weitere Baselbieter Schützen herunter. Aus den Prattler Reben schossen sie der Basler Kolonne in die linke Flanke. Die dichte Masse von Soldaten bot ein leichtes Ziel. Um dem Rückzug etwas Luft zu verschaffen, protzte die vorletzte Basler Kanone ab. Mit einigen Kartätschen sollte der Feind in den Reben auf Distanz gehalten werden. Derweil rasselte die letzte Basler Kanone auf der Flucht am abgeprotzten Geschütz vorbei.

Die Basler Artillerie hatte keinen militärischen Train. Stattdessen besorgten zivile Fuhrknechte mit ihren Pferden den Geschütztransport. Diese Männer hatten kein Verlangen danach, Pferde oder Leben auf einer staubigen Strasse unter heisser Augustsonne zu verlieren. Als das letzte Geschütz vorbeipreschte, schloss sich ihm ein Fuhrknecht der feuernden Kanone an, samt Pferden und Protze. Das Geschütz überliess er seinem Schicksal. Artilleriehauptmann Stehlin schrie ihn vergebens an zurückzukommen. Dann riss er eine Pistole aus dem Sattelholster und gab seinem Pferd die Sporen.

Johann Jakob Stehlin war 1803 geboren worden und hatte seinen Vater mit neun Jahren verloren. Die Bubenjahre verlebte er in der väterlichen Schreinerei an der Malzgasse. Dort lebte auch sein Onkel, Ratsherr Johann Georg Stehlin, um nach dem Tod seines Bruders dessen Familie beizustehen. Johann Jakob erlernte das Handwerk des Zimmermanns und heiratete 1825 Margaretha Hagenbach. Sie bekamen drei Söhne von denen der älteste sieben und der jüngste zwei Jahre alt war. Wie sein Onkel war auch Johann Jakob Artillerist geworden. Nun stand er im Begriff eine Kanone zu verlieren.

Stehlin hatte den davonreitenden Fuhrknecht rasch eingeholt. Er richtete seine Pistole auf ihn; drohte ihn niederzuschiessen wenn er nicht warte. Widerwillig zügelte der Knecht die Pferde. Artilleristen und helfende Infanteristen schleppten von Hand die schwere Kanone vierzig Meter zur Protze. Unterwegs wurden zwei der Kanoniere angeschossen. Endlich fuhr das angehängte Geschütz weiter. Es war höchste Zeit. In der Nähe war ein Munitionswagen der Infanterie bereits fahruntüchtig mit schwer verwundetem Trainsoldaten liegengeblieben. 12'000 Schuss Munition fielen dem Gegner in die Hände.

illustration gruppe standessoldaten

Die Standeskompanie auf dem Rückzug. Nach verlustreichem Kampf musste sie auch noch die Flucht der Basler Truppen decken. Im Gegensatz zur Miliz hielt die Standeskompanie ihre geschlossene Formation auf dem Rückzug lange aufrecht.

Schusswechsel am Rand der Hard

Joseph Gutzwiler hatte sich mit den Birseckern kämpfend zum Rand der Hard zurückgezogen. Zusammen mit Freunden aus seinem Dorf rannte er von Deckung zu Deckung um dazwischen einen Schuss auf die Basler Kolonne auf der Strasse abzugeben. Einmal spürte er wie eine Kugel genau in jenen Baum einschlug hinter dem er Schutz gesucht hatte. Auf der gegnerischen Seite rannte Wachtmeister Hauser von den Basler Scharfschützen über das Feld neben der Strasse am Prattler Rain. Von den Leuten seiner Kompanie folgte ihm als einziger Johann Jakob Bernoulli, der Apotheker vom Fischmarkt.

Bernoulli war nie zuvor im Gefecht gestanden. Er hielt sich einfach an den erfahrenen Unteroffizier Hauser. Gemeinsam gingen sie auf offenem Feld in Stellung und begannen auf den Gegner zu schiessen, den man hin und wieder sah wenn er sich im Gebüsch bewegte. Für einige Minuten boten die beiden Schützen den Birseckern die Stirn und hielten im Kugelhagel stand. Dann bemerkte Hauser dass ihnen doppelte Gefahr drohte. Auf der Strasse am Prattler Rain hinter ihnen schossen Basler Soldaten auch auf den Waldrand. Hauser und Bernoulli standen unter Feuer von beiden Seiten.

Durch die Schiesserei hindurch hörte Bernoulli Hauser rufen. Er schrie dass sie die gefährliche Position verlassen müssten. Sie liefen Gefahr versehentlich von eigenen Leuten getroffen zu werden. So hetzten sie wieder auf die Strasse zu den anderen Baslern. Dort sah Hauser Major August Wieland heranreiten. Der Kommandant der Basler Artillerie geriet plötzlich unter sein Pferd als dieses getroffen zu Boden ging. Einige Soldaten eilten herbei und zogen ihn unter dem Tier hervor. Wie unter Schock ging Wieland zu Fuss weiter. Seine beiden Pistolen liess er in den Sattelholstern stecken.

Unglück bei der zweiten Baselbieter Batterie

Gemeinsam mit einigen Infanteristen hatten die Kanoniere des Vierpfünders unter grossen Mühen ihr Geschütz aus dem Graben an der Hülftenbrücke herausgezogen. Mittlerweile war die von Pferden gezogene Kanone samt der Protze mit der Munition längst weitergefahren. Die Männer gingen wieder an die Zugseile um ihre kleine Kanone in Gang zu bringen. Das manuelle Ziehen einer Kanone war eine diffizile Sache. Der Zug musste von den Ziehenden auf beiden Seiten des Geschützes gleichmässig ausgeübt werden. Geschah dies nicht, gerieten die Räder rasch aus der Spur

. Der Vierpfünder den die Männer zu ziehen hatten war einer von vieren den provisorische Regierung in Liestal im November 1832 für 11'000 Franken in Luzern gekauft hatte. Es waren noch alte Modelle mit Lafetten nach dem System Gribeauval. Jedes einzelne der Geschütze wog beinahe eine halbe Tonne und war schwer zu ziehen. Bei den Wannenreben geriet der Vierpfünder erneut ausser Kontrolle. Die schwere Kanone kam unversehens aus dem Gleichgewicht und kippte. Einem Kanonier riss sie dabei ein Bein ab, und auch ein Offizier wurde durch das Geschütz verletzt.

Zwischen Prattler Rain und dem Roten Haus

Der Wagen den die Basler Scharfschützen am Morgen von St.Jakob mitgebracht hatten, war mit drei Verwundeten beladen. Ausserdem sass auf ihm ein offenbar angetrunkener Adjutant-Unteroffizier der Miliz. Das von nur einem Pferd gezogene Fuhrwerk war auf der Landstrasse zum Roten Haus ständigem Gewehrfeuer vom nahen Waldrand ausgesetzt. Jeden Augenblick konnte eine Kugel die Passagiere treffen. Der betrunkene Unteroffizier nötigte den Fuhrmann die Strasse zu verlassen. Dabei brachte es kaum mehr Schutz, einige Meter neben der Strasse auf der offenen Wiese zu fahren.

Doch der Fuhrmann beugte sich dem Drängen des Unteroffiziers und versuchte den Wagen auf die Wiese zu fahren. Doch als die Räder durch den Strassengraben rumpelten kam der Wagen aus dem Gleichgewicht und schlug um. Die Verwundeten fielen aus dem kippenden Gefährt. Der Adjutant rappelte sich rasch wieder auf und rannte einfach davon. Soldaten eilten von der Strasse herbei, unter ihnen Wachtmeister Hauser. Gemeinsam richteten sie den Wagen wieder auf und betteten die Verwundeten auf das Stroh. Mit einem angeschossenen Kanonier kam ein weiterer Passagier hinzu.

Inmitten des feindlichen Feuers versuchte der Wagen die Fahrt zum Roten Haus fortzusetzen. Da traf eine Kugel das Pferd. Der Fuhrmann stopfte die blutende Wunde mit Papier und trieb das geschundene Tier verzweifelt weiter an. Dann traf eine weitere Kugel den linken Vorderlauf des Pferds. Unter Qualen zerrte das hinkende Tier den Wagen mit den Verwundeten stossweise weiter. Immer mehr geriet das Fuhrwerk ins Hintertreffen. Das Rote Haus war nicht mehr weit, als mehrere Baselbieter über das Feld auf dem Wagen losgingen. Wachtmeister Hauser sah die Gefahr und handelte.

Vergebens rief er vorbeieilende Standessoldaten an; sie sollten dem Wagen helfen. Ihre Kameraden lägen darauf. Die Soldaten schossen nur ihre Gewehre auf den Feind ab und rannten weiter. Wenn er einen der Angreifer träfe, dachte sich Hauser, wären die anderen mit ihm beschäftigt und der Wagen gewänne Zeit. Er kniete sich hin, zielte und verfehlte. Zeit für einen zweiten Schuss blieb nicht. Schon waren um die zehn Mann beim Wagen. Sie hielten das lahmende Fuhrwerk an. Ein Verwundeter nach dem anderen wurde runtergeholt und vor den Augen der anderen umgebracht. Nur der Fuhrmann blieb verschont.

Alles ist auf der Flucht zum Roten Haus

Leutnant Johann Jakob Wick kämpfte verzweifelt um die Disziplin der Standeskompanie. Er ritt auf dem Pferd seines verwundeten Vorgesetzten Johannes Burckhardt unaufhörlich hin und her. Die Kompanie musste beisammen bleiben. Verfiel sie wie die Miliz in kopflose Flucht, war sie nicht mehr zu gebrauchen. Lange war die geschlossene Formation der Truppe aufrecht geblieben. Dadurch wurde der panische Rückzug der Miliz gedeckt. Doch immer mehr Standessoldaten fielen angeschossen zu Boden. Nun wollten die Stänzler nicht länger geopfert werden damit die Milizsoldaten davonlaufen konnten.

Rudolf Hauser sah vor sich eine Gruppe Standessoldaten abmarschieren. Sie brüllten den hinter ihnen folgenden Milizsoldaten ihren Zorn entgegen:

"Nie hätten wir geglaubt, dass die Basler Bürger uns im Stiche lassen und uns so alleine kämpfen liessen!"

Hauser entgegnete ihm dass sie Unrecht hätten, denn er sei ja auch einer dieser Bürger und er teile jede Gefahr mit ihnen. Doch die wenigen Milizsoldaten die an der Seite der Stänzler aushielten täuschten nicht darüber hinweg, dass die meisten Bürger in Uniform die Standeskompanie erbärmlich im Stich gelassen hatten. Zu den mutigeren Männern der Miliz gehörte auch Hauptmann Stehlin, der bereits waghalsig eine Kanone retten musste. Ihm begegnete Wachtmeister Hauser an jener Stelle an der die Strasse nach Pratteln auf die der Landstrasse nach Augst am Rhein entlang traf.

Stehlin machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Hauser schlug vor abzuprotzen um einige Kartätschen ins vom Feind besetzte Gebüsch zu feuern. Der Hauptmann lehnte die Idee ab. Er hatte bereits beinahe ein Geschütz verloren. Nun waren sie so weit ins Hintertreffen geraten, dass es zu gefährlich war nochmals abzuprotzen. Stehlin wusste nur zu genau, dass die um sie herum fliehende Infanterie nicht mehr dafür zu gebrauchen war um das Geschütz in Feuerstellung zu decken. Und ohne Schutz der Infanterie war es Wahnsinn die Kanone zum Schuss von den Pferden abzuspannen.

rothaus heute

Der Gebäudekomplex Rothaus (rechs von der Strasse) des Chemieunternehmens Clariant nahe der Bushaltestelle Schweizerhalle. Hier befand sich 1833 das Wirtshaus Rotes Haus von Remigius Merian. 1907 erwarb die Christoph Merian Stiftung das Rote Haus und verkaufte es 1918/20 an die Sandoz.

Beim Roten Haus

Immer mehr Basler Soldaten kamen auf der Landstrasse am Rhein zum Roten Haus. Einige von ihnen waren querfeldein dorthin gelangt. Andere gehörten zu den ersten von jenen die auf der Strasse den Prattler Rain hinab gekommen waren. Der Wirt Remigius Merian eilte den Basler Soldaten entgegen um sie zu warnen. Er wusste dass im nahen Wald bereits die Baselbieter waren, und rief den Soldaten zu dass sich machen sollten das sie wegkamen. Ein Basler trat auf ihn zu und setzte im drohend das Bajonett auf die Brust und sagte "Du kommst mir eben recht, du Insurgentenkaib!"

Merian erkannte dass diese Männer nicht mehr zwischen Kämpfer und Unbeteiligten unterschieden. Ein paar Standessoldaten schrieen "Schiess ihn nieder, schiess ihn nieder!" Merian erwartete den Tod. Der vorhin angekommene Aidemajor Ludwig Oswald trat dazwischen. Die Soldaten liessen sich aber nichts mehr sagen und es kam zu Handgreiflichkeiten. Remigius Merian erhielt plötzlich von einem Basler das Gewehr an den Hals und die Hand ins Gesicht geschlagen. Dabei brach ihm ein Zahn aus dem Kiefer. Die Basler Soldaten zogen ab vom Roten Haus. Zurück blieb der benommene Gastwirt.

Zeit um sich vom den Geschehnissen zu erholen blieb ihm jedoch nicht. Er wollte eben zum Haus gehen als zwei Verwundete gebracht wurden. Einige Kameraden schleppten die beiden Artilleristen zum Roten Haus. Dort liessen sie die zwei auf einer Bank und einer Treppe zurück. Es waren die Basler Kanoniere Johannes Berger von Gelterkinden und Jakob Breitenstein von Riggenbach. Beides Männer von der Landschaft die für die Stadt in dem Kampf gezogen waren. Merian liess die beiden Verwundeten versorgen und ihnen Zuckerwasser bringen. Berger sagte dankbar, wie wohl die Hilfe täte.


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Beitrag erstellt 22.07.08 / Nachgeführt 31.07.12

Quellen:

August Bernoulli, Basel in den Dreissigerwirren, Band IV - Von der Anerkennung des Kantons Basel-Landschaft bis zur gänzlichen Trennung von 1833, 88. Neujahrsblatt der GGG, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1910, Seiten 52 bis 54

Walter Betschmann, Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817 - Artillerie III, Verlag Stocker-Schmid, Dietikon-Zürich, 1984, ISBN 3-7276-7059-2, Seite 126 (zu den Vierpfündern der Baselbieter Artillerie)

Martin Birmann, Beitrag "Der 3. August 1833", publiziert im Basler Jahrbuch 1888, herausgegeben von Albert Burckhardt und Rudolf Wackernagel, C.Detloff's Buchhandlung, Basel, 1888, Seiten 107 bis 108

Jakob Eglin, Beitrag "Das Kloster zum Roten Haus", publiziert in Heimatkundliches über Muttenz, neu herausgegeben im Auftrag der Gemeinde Muttenz, Druckerei Fredi Sommerhalder, Muttenz, Neuauflage 1983, Seiten 45 bis 46 (zu den Eigentümern des Roten Hauses im 20. Jahrhundert)

Rudolf Hauser-Oser, Beitrag "Der 3. August 1833 - Aufzeichnungen eines Augenzeugen", publiziert im Basler Jahrbuch 1884, herausgegeben von Albert Burckhardt und Rudolf Wackernagel, C.Detloff's Buchhandlung, Basel, 1884, Seiten 153 bis 160

Hans-Rudolf Heyer, Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Landschaft, Band 2 - der Bezirk Liestal, 1974, Birkhäuser Verlag, Basel, 1974, Seiten 381 bis 384 (zum Landgut Hoher Rain)

Eduard His, Basler Staatsmänner des 19. Jahrhunderts, Verlag Benno Schwabe & Co Basel, 1930, Seiten 145 bis 148 (zu Hauptmann Johann Jakob Stehelin)

Eduard Schweizer, Beitrag "Der Sieg der Schweizerischen Regeneration im Jahr 1833", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 46, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1947, Seiten 108 bis 112

Gustav Steiner, Beitrag "Bericht eines Therwilers über den 3. August 1833", publiziert im Basler Jahrbuch 1938, herausgegeben von Ernst Jenny und Gustav Steiner, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1937, Seiten 151 bis 152 (zu Erinnerungen des Josef Gutzwiler-Schaub)

Adolf Vischer, Die Geschichte des dritten August 1833, Verlag Felix Schneider, Basel, 1888, Seiten 35 bis 37

Fritz Vischer, Beitrag "Erlebnisse von Remigius Merian zum Roten Haus am 3. August 1833" im Basler Jahrbuch 1905, herausgegeben von Albert Burckhardt-Finsler, Rudolf Wackernagel und Albert Gessler, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1904, Seiten 165 bis 166

Bericht von Hauptmann Martin Begle zum 3. August 1833, Transkription aus Trennung A6, Matthias Manz im Aktenverweis Art.Hpm. Martin Béglé, StABL 98.02 Trennung, Datum 9.9.87

Karl Weber, Die Revolution im Kanton Basel 1830-1833, Verlag Gebrüder Lüdin, Liestal, 1907, Seiten 215

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