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3. August 1833 - 13.30 Uhr bis 15.00 Uhr, Abschnitt 2

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Zwei Brüder im Krieg

Benedikt Sarasin hätte nicht hier sein müssen. Wegen seiner Wachstumsstörung war er vom Militärdienst freigestellt. Doch er war ein leidenschaftlicher Schütze. 1826 wurde er mit 28 Jahren Mitmeister in der altehrwürdigen Gesellschaft der Basler Feuerschützen. Als Kassier wirkte er im folgenden Jahr an der Organisation des Eidgenössischen Schützenfestes in Basel mit. Als am frühen Morgen sein älterer Bruder Lukas als Scharfschütze zum Sammelplatz im Steinenkloster eilte, wollte Benedikt ihn nicht alleine in den Krieg ziehen lassen und griff auch zur Waffe.


benedikt sarasin
Es war eine Ironie, dass ausgerechnet Pratteln so schicksalhaft für den Feldzug der Basler geworden war. Dort wo am Morgen die Schüsse im nun brennenden Dorf gefallen waren, lag der Gasthof zum Engel. Benedikts Grossvater Jakob Sarasin-Battier hatte darin 1778 einige Räume gemietet. Sie dienten als Sommerwohnung wo die Sarasins Freunde empfingen und über Literatur plauderten. Nur zehn Gehminuten von diesem Gasthof weg hatte nun Benedikt das Schicksal ereilt. Bei den Prattler Reben traf ihn eine Baselbieter Kugel und durchschlug seinen Schenkel.

Das Rote Haus lag jetzt schon hinter ihm. Die Kugel hatte nicht den Knochen zerschmettert, aber der Blutverlust machte Benedikt zu schaffen. Den ganzen gefährlichen Weg den Prattler Rain hinunter hatte er die Wunde verheimlicht und niemanden um Hilfe gebeten. Seine Waffe hatte er längst als hinderliche Last fallengelassen. Blutend und unter Schmerzen war er bis hierher gekommen. Aber jetzt wurde es ihm fast schwarz vor den Augen. Gerade rechtzeitig fand ihn jetzt sein Bruder Lukas, dem er als ersten von seiner Verwundung erzählte. Sie mussten nun schnell weiter. Der Feind war nahe.

verlustreiche strecke zum eingang der hard

Die Strasse vom einstigen Roten Haus zur Hard heute. Am rechten Bildrand erkennt man Reste des Waldrands der sich 1833 parallel zur Strasse erstreckte. Dieses Strassenstück brachte den Basler Truppen die meisten Verluste, da am Waldrand Baselbieter Schützen die Rückzugskolonne mit ihrem Feuer eindeckten.

Die tödliche Strasse zur Hard

Auf demselben Weg ging mit schweren Schritten auch Major August Wieland. Seitdem er am Prattler Rain unter sein getroffenes Pferd geraten war, schien der Offizier wie unter Schock stehend. Er nahm offenbar nicht einmal die Gefahr war, in der alle Fliehenden auf der Strasse waren. Das Strassenstück vom Roten Haus zum äusseren Hardhübel am Rand der Hard war mörderisch. Der parallel verlaufende Waldrand eines Hardausläufers war gesäumt mit Baselbieter Schützen. Sie konnten ein wahrhaftiges Scheibenschiessen auf die Masse der Basler veranstalten, die direkt an ihnen vorbeizog.

Aus der Deckung des Waldes schossen die Baselbieter aus dem Birseck und aus Muttenz Kugel um Kugel in die gegnerische Kolonne. Wachtmeister Hauser bemerkt dass zugleich andere Gegner in ihren Rücken nachstiessen und sie von hinten ebenfalls beschossen. Die Basler lagen unter Feuer von zwei Seiten. Rudolf Hauser traf in der Rückzugskolonne Major Wieland und sprach ihn an. Aber mehr als einzelne Worte waren nicht aus dem Offizier raus zu bringen. Hauser ging weiter, als er etwas schwer niederfallen hörte. Er wandte sich um - der Mann mit dem er eben noch geredet hatte lag am Boden.


august wieland
August Heinrich Wieland wurde am 30. August 1795 als Sohn des Basler Bürgermeisters Johann Heinrich Wieland geboren. Er heiratete 1819 Barbara Landerer und sie bekamen sieben Kinder. Wieland besass eine Druckerei und war Mitglied des Basler Grossen Rats und des Kriminalgerichts. Er lebte nicht in der Stadt, sondern wie sein Schwager Lukas Landerer in Reinach im Birseck. Der Einfluss der beiden war wohl einer der Gründe wieso Reinach bis zu diesem Tag der Stadt die Treue hielt. Artillerieinstruktor Wieland genoss als Basler Offizer auch auf dem Land Beliebtheit, was selten vorkam.

"Gott der Major" riefen einige Kanoniere und rannten zu August Wieland der im Strassenstaub lag. Unter der linken Schulter hatte ihn eine Kugel getroffen. Ein Schwall von Blut drang aus Nase und Mund. Hauser erkannte sofort dass Wieland tot war. Die Kanoniere wollten ihren Major nicht zurücklassen. Vier Mann trugen die Leiche. Nach kurzer Zeit wurde einer von ihnen getroffen. Gleich darauf ein weiterer. Nur noch zwei Kanoniere zerrten ihren toten Offizier durch den Kugelhagel, bis sie erschöpft aufgaben. Es war dumm für eine Leiche zu sterben, wenn schon Verwundete liegengelassen werden mussten.

Beim Roten Haus

Als Joseph Gutzwiler mit den Birseckern auf der Verfolgung der Basler Kolonne beim Roten Haus ankam, sah er wie ein Kampfgefährte dabei war Scheiben mit dem Gewehrkolben einzuschlagen. Im Hof stand der Wirt Remigius Merian. Er hatte immer noch Blut in seinem Mund, vom Zahn den ihm Basler Soldaten ausgeschlagen hatten als sie ihn mit dem Tod bedrohten. Das war noch nicht lange her, und jetzt schwebte Merian erneut in Lebensgefahr. Diesmal waren es Baselbieter die drohten ihn zu erschiessen. Als die Basler gegangen waren wollte er Stroh holen um die zurückgebliebenen Verwundeten weich zu betten.

Doch wegen der Schiesserei kam Merian nicht einmal bis zur Scheune und kehrte um. Eine seiner Mägde schrie plötzlich, dass er schnell das Wirtshaus aufmachen solle. Sonst werde ihm alles eingeschlagen. Als er die Barrikade beim Tor des Hofes etwas öffnete, drängten dann auch etwa dreissig Baselbieter hinein. Merian ging rückwärts vor ihnen her und beteuerte immer wieder dass hier keine Basler Kämpfer Unterschlupf gefunden hätten. Lediglich zwei Verwundete seien hier, und die könnten niemandem mehr schaden. Der Wirt versuchte sich vor die beiden verletzten Basler Kanoniere zu stellen.

Ein Baselbieter packte ihn am Hemd und befahl ihm zur Seite zu gehen, sonst würde er erschossen. Zugleich erkannte ein anderer dass Kanonier Berger aus Gelterkinden kam. Die Gelterkinder waren auf dem Land als Stadttreue verhasst, seit sie im April 1832 bei einem Aufruhr Basler Militär zu Hilfe gerufen hatten Merian sah entsetzt was mit den beiden kraftlosen Verletzten geschah, denen er eben noch Zuckerwasser reichen liess und Stroh holen wollte. Johannes Berger und Jakob Breitenstein wurden die Kleider vom Leib gerissen. Schüsse fielen; fünf, sechs. Dann lagen die Nackten tot in ihrem Blut.

Kurzer Halt am Rand der Hard

Am Ende der gefährlichen Strecke lag auf dem äusseren Hardhübel der Eingang zum Wald. Hier stockte der kopflose Rückzug der Basler kurz. Grund dafür war eine Barrikade die der Landsturm von Muttenz errichtet hatte. Einige umgehauene Pappeln lagen als Hindernis quer über der Strasse. Etwas früher war ein Wagen voller Verwundeter vom Verbandsplatz diesen Weg entlang gekommen. Die Muttenzer hielten das Fuhrwerk an und führten es mit den Insassen als Gefangene ins Dorf, wo die Verletzten versorgt wurden. Als nun die Basler Kolonne auf die Barrikade traf, fand sie diese verlassen vor.

Während sich die Kolonne staute versuchte Leutnant Johann Jakob Wick einen Trupp zusammenzustellen um den Waldrand vor feindlichen Schützen zu säubern. Damit hätte dem gefährlichen Gewehrfeuer in die Flanke ein Ende gemacht werden sollen. Aber unter den Soldaten fanden sich nicht genügend Männer die bereit waren unter Lebensgefahr ins dichte Unterholz vorzustossen. Wick musste das Vorhaben resigniert fallen lassen. Diese Mannschaft war militärisch nicht mehr zu gebrauchen. Die Truppe wurde beherrscht von Angst und ihre einzige Motivation war der Fluchttrieb geworden.

Während ein Teil der Baselbieter am Waldrand lag und die Basler Rückzugskolonne beschoss, folgten andere ihr auf der Strasse. Schon Wachtmeister Hauser hatte festgestellt, dass der Gegner sie verfolgte und ihnen in den Rücken schoss. Unter den Verfolgern war auch Joseph Gutzwilern und seine Mitkämpfer aus dem Birseck. Sie setzten sich nicht wie andere in die Gaststube des Roten Hauses um nach Wein zu brüllen, sondern blieben den Baslern auf den Fersen. Deren Kolonne war zeitweise schlecht erkennbar. Aufgewirbelter Strassenstaub und Schwaden von Pulverdampf behinderten die Sicht.

die strasse durch die hard heute

Die Strasse durch die Hard wie sie heute aussieht. Diese Aufnahme entstand ein unweit des äussern Hardhübels, wo sich am 3. August 1833 eine Barrikade des Muttenzer Landsturms befand. Dort liess Hauptmann Stehlin ein letztes Mal ein Geschütz in Stellung gehen, um den Gegner auf Distanz zu halten.

Meyer und Kloss im Roten Haus

Regierungsrat Johannes Meyer war beim Roten Haus angekommen. Den Abwehrkampf an der Griengrube hatte er hinter sich. Noch immer stiegen Rauchschwaden aus dem brennenden Pratteln in den sonnigen Nachmittagshimmel. Dort loderten Häuser die von den Baslern angezündet worden waren. Drei Dorfbewohner waren von ihnen umgebracht worden, auf der Strasse und in ihren Häusern. Meyer traf auf Karl Kloss, der dabei war als der Zug Hindelang von der Standeskompanie am Hülftengraben zusammengeschossen wurde. Beide Männer hatten sich dem Feind gestellt und Blutvergiessen gesehen.

Was sie im Roten Haus sahen erschütterte sie. Der Feind befand sich in Hörweite und die Schüsse der Birsecker im Wald waren deutlich vernehmbar. Doch hier waren die Fenster und Türen eingeschlagen und das Wirtshaus war voller Leute. Die Mägde des Wirts Remigius Merian mussten Milchhäfen und Wasserbecken austeilen damit die nach Wein schreienden Krieger befriedigt werden konnte. Hier war eine Truppe, die eben noch im Gefecht gestanden hatte, dabei zu randalieren und sich hemmungslos zu besaufen. Ein Phänomen das übrigens am Morgen bei der Standeskompanie in Pratteln auch aufgetreten war.


regierungsrat johannes meyer
Mit Abscheu registrierten Meyer und Kloss die Tötung verwundeter, wehrloser Gefangener. Als ein weiterer Basler gefunden worden war, sollte er dasselbe Schicksal wie die zuvor umgebrachten Kanoniere erleiden. Der Milizsoldat Johannes Greter war auf der Flucht beim Schopf des Roten Hauses liegengeblieben. Er wurde mit Gewehrkolben geprügelt und dann wollte man ihn erschiessen. Doch da traten Karl Kloss und Rudolf Hoch aus Liestal dazwischen. Bei dergleichen wollten sie nicht tatenlos zusehen. Nur unter Mühen setzten sie durch, dass Greter als Gefangener nach Liestal gebracht wurde.

Johannes Meyer und Johann Jakob Gutzwiler, dem Bruder des Präsidenten der Regierung, Stephan Gutzwiler, gelang es viele der unnötig im Roten Haus weilenden Kämpfer zum Weitergehen zu bewegen. Remigius Merian konnte nicht aus der Gaststube weg. Im Hinterhaus verbargen sich seine Eltern, sowie die Frau und die Schwester. Er bat Meyer nachzusehen ob ihnen nichts geschehen sei. Der Regierungsrat stellte fest dass alles ruhig war. Meyer war es zuwider was im Roten Haus vorgegangen war. Er hatte das Bedürfnis Merian wenigstens ein wenig zu helfen und stellte einen Schutzbrief für ihn aus:

Waffenbrüder, Mitbürger!

Nachdem nebst Gott unsere Tapferkeit uns einen herrlichen Sieg über unsere Feinde verleihen, so fordere ich Euch bey Eurer Ehre, bey Eurem Gefühl für Freyheit und Rechte auf, dem ruhigen Bürger sein Eigentum zu schonen. So lasst dieses Haus und alles was dessen Besitzer angeht Euch heilig sein. Ihr werdet den Dank der Regierung und aller rechtlichen Männer erwerben. Patriotischer Gruss.

Rothaus am Sieger Tage Meyer, Reg.Raht.


Das letzte Basler Geschütz

Die Barrikade am Eingang zur Hard war rasch geräumt. Über die Strasse strömte nun die Basler Kolonne in den Wald. Die Fuhrknechte gaben ihren Pferden die Peitsche damit die mit Verwundeten beladenen Kanonen und Protzen der Artillerie rasch wegkamen. Der Ort lag nach wie vor unter dem Feuer der Baselbieter. Immer mehr von ihnen rückten den Fliehenden auf der Strasse nach und bedrohten das Ende der Kolonne. Hauptmann Johann Jakob Stehlin erkannte die gefährliche Situation und liess noch einmal das letzte Geschütz abprotzen. Wieder sollten Kartätschen den Gegner auf Distanz halten.

Stehlins Kanoniere brachten das Geschütz in Stellung. Hinter ihnen war nur der Gegner auf der Strasse. Die Basler Kolonne war schon weitergezogen. Sie waren die letzten. Eine Kartätschenladung schoss hinaus. Die Kanone wurde neu geladen und ein zweiter Schuss folgte. Doch der Gegner feuerte weiter. Ein Kanonier wurde angeschossen. Dann auch noch ein Zugpferd verwundet. Da verlor wieder ein Fuhrknecht die Nerven. Er schnitt die Zugriemen durch und ritt mit den beiden vorderen Zugpferden davon. Jetzt konnte nicht weiter geschossen werden. Rasch wurde aufgeprotzt und abgefahren.

Aber die beiden übrigen Zugpferde konnten die schwere Kanone nur mühsam voran ziehen. Die Kanoniere und einige Infanteristen hängten die Zugseile am Geschütz ein und halfen den Tieren mit Muskelkraft beim Ziehen bis die Kolonne einigermassen eingeholt war. Hauptmann Stehlin sah dass die Kanone so nicht schnell genug weiterkam. Eilig wurde ein zusätzliches Geschirr improvisiert. In dieses spannte er sein eigenes Reitpferd ein. Nun konnte es etwas schneller weitergehen. Beim Marsch durch den Hardwald erwartete man noch schwereren Widerstand durch die Baselbieter als bislang.

Der Marsch durch die Hard

Wachtmeister Rudolf Hauser rechnete in der Hard mit dem Schlimmsten. Im dichten Unterholz konnten den Feinde der Basler Kolonne jeden Augenblick auflauern. Es würde bestimmt ein harter Weg durch den man sich richtiggehend durchkämpfen musste. Zu seinem Erstaunen stellte Hauser fest, dass der Weg durch den Wald unerwartet sicher war. Die Baselbieter hatten die rheinseitige Partie des Waldes gar nicht besetzt. Sie verfolgten die Basler weiterhin auf deren linker Flanke. Doch wegen des grossen Abstands den sie hielten, trafen ihre Kugeln im Wald nicht mehr so gut wie auf der offenen Strasse.

Da die Bäume des Waldes bis dicht an die Strasse durch die Hard standen, bilden sie eine Art schützender Palisade. Für die Schützen Von Blarers und die anderen Baselbieter Kämpfer war es sehr schwer geworden die gegnerischen Soldaten zu treffen. Viele ihrer Gewehrkugeln schlugen nur in die Bäume des Waldes ein. Und im Allgemeinen zielten sie auch zu hoch. Wer zu Fuss auf der Strasse ging war dadurch weniger in Gefahr. Auf der anderen Seite waren Reiter gefährdet, oder jene die auf einem Fuhrwerk sassen. In einem Fall wurde ein Verwundeter der auf einer Protze sass tödlich getroffen.

waldweg durch die hard

Die heutigen Waldwege durch die Hard vermitteln einen guten Eindruck von der damaligen Strasse auf der sich die Basler Kolonne bewegte. Das dichte Unterholz und die Bäume nahmen den Baselbietern das Schussfeld und machten den Rückzugweg für Oberst Vischers Truppen etwas sicherer.

Wer auf einem Pferd sass stieg daher bald ab. Die meisten Reiter schützen sich zusätzlich indem sie ihre Pferde als Kugelfang zur Linken am Zügel führten. Nur der Oberkommandierende blieb weiterhin im Sattel. Für Oberst Benedikt Vischer war dieser Tag ein einziger Schmerz. Er hatte den Feldzug nicht gewollt und der Brand von Pratteln hatte ihn in Tränen ausbrechen lassen. In seiner geschlagenen Truppe gab es Leute die davon überzeugt waren, dass er ein Verräter sei. Todesdrohungen brüllten sie ihm entgegen. Irgendwie war es fast schon egal was für eine Kugel ihn traf.

Oberstleutnant Landerer reitet in sein Verderben

Franz Lukas Landerer war bereits im Wald, als sich bei der Rückzugskolonne die Nachricht vom Tod Major Wielands verbreitete und so auch ihn erreichte. Er wendete sein Pferd und ritt zurück. Offenbar stieg er nach kurzer Strecke ab. Jedenfalls traf er, sein Pferd am Zügel führend, beim Hardhübel Wachtmeister Hauser. Er fragte nach Wieland. Der Unteroffizier sagte ihm wo die Leiche lag, riet ihm aber dringend ab dorthin zu gehen. Zu nahe war der Gegner und Wieland sei ohnehin tot. Doch Landerer liess sich nicht beirren. Er wollte unbedingt seinen Schwager nochmals sehen.

Landerer wurde im Januar 1784 in Basel geboren. Sein Vater war Wirt im legendären Gasthof Storchen und Rheinzoller. Mit dreiundzwanzig heiratete er Valeria Heusler mit der er sechs Kinder hatte. Er brachte es als begabter Kaufmann zu Wohlstand und liess sich in Reinach nieder. Landerer besass diverse Grundstücke dort und war Arbeitgeber vieler Leute im Dorf. Mit seiner Familie wohnte er im einstigen bischöflichen Salzmagazin. In Reinach lebte auch August Wieland, der Landerers jüngste Schwester Barbara geheiratet hatte. Er konnte seine Leiche nicht einfach zurücklassen.

Ob Oberstleutnant Landerer bis zu Wielands Leichnam gekommen ist unklar. Auf jeden Fall sollte ihm dieser Gang zum Verhängnis werden. Auf dem Rückweg in die Hard geriet er zu Pferd in die Hände der Baselbieter. Die Umstände seines Todes sind unsicher. Eine Version erzählt dass sein Pferd getroffen und er von Gegnern umstellt worden sei. Zwei Schüsse verletzten ihn schwer. Entweder ein Kolbenhieb oder ein weiter Schuss töteten ihn. Bei seinem Todeskampf sei Jakob von Blarer anwesend gewesen, angeblich gar direkt beteiligt. Dies glaubte Lukas Sarasin gesehen zu haben.



Infobox - Der Tod des Oberstleutnants Landerer

landerers leiche

Die Umstände von Landerers Tod sind unklar und umstritten; was wohl auch damit zu tun hat dass Jakob von Blarer mutmasslich involviert gewesen sei. Verschiedene angebliche letzte Worte Landerers sind überliefert, die in ihren Aussagen die jeweilige Erzählversion zu seinem Tod stützen. Eine Variante besagt dass Karl Kloss Landerer gefangen genommen und entwaffnet habe, ihm aber den Degen zurückgab damit er nicht wehrlos getötet werden könne. Andere Versionen berichten dass Von Blarer ihn aus Mitleid erschossen habe, um ihm einen grausameren Tod zu ersparen. Nicht auszuschliessen ist die Überlieferung dass der Leiche Ohren und Finger abgeschnitten worden seien. Weniger glaubwürdig klingt aber die Geschichte vom Fleischsalat aus seinen Ohren, der in Sissach serviert worden sei.


Die Tragödie zweier Brüder

Sarasin war unter die Nachzügler geraten weil er seinem Bruder half. Benedikt hatte schon so viel Blut verloren, dass er immer wieder das Bewusstsein verlor. Lukas musste ihn stützen wenn er gehen konnte. War er ohnmächtig, dann trug er Benedikt auf den Schultern. Es war ausserordentlich mühsam, zugleich das eigene Gewehr und den besinnungslosen Benedikt zu tragen. Die Strasse war gesäumt von Verwundeten die in Gottes Namen laut darum flehten nicht zurückgelassen zu werden. Alle wussten was die Unglücklichen zu erwarten hatten. Niemals würde er seinen kleinen Bruder zurücklassen.

Schon mehrere Male hatte Lukas eine Pause machen müssen. Und jedes Mal kamen die Baselbieter dabei näher. Er und sein Bruder waren weit zurückgefallen. Hinten auf der Strasse konnte er ein Gerangel sehen. Dort war jemand dem Feind in die Hände gefallen und kämpfte um sein Leben. Lukas erkannte dass es Oberstleutnant Landerer war. Daneben meinte er Jakob von Blarer zu erkennen, der mit Landerer im Handgemenge stand. Lukas setzte seinen kleinen Bruder ab und nahm den Stutzer. Trotz der Aufregung versuchte er zu zielen. Er schoss und verfehlte. Der Gegner war schon zu nahe zu Nachladen.

Eilig half er Benedikt auf und gemeinsam strauchelten sie weiter. Lukas merkte dass sein Bruder nicht mehr konnte und trug ihn erneut. Plötzlich spürte er einen Schlag in Benedikts Körper. Lukas sah nicht sofort was geschehen war, aber er merkte dass sich Benedikt nicht mehr festhielt. Er legte seinen kleinen Bruder ab, und sah dass ihn ein Kopfschuss getötet hatte. Lukas Sarasin fiel auf die Knie. Ein fliehender Basler Soldat brüllte ihm zu dass er abhauen solle, aber er war wie betäubt. Doch dann sah er die Verfolger auf sich zukommen. Er nahm eine geladene Waffe. Diesmal traf er.

Die Baselbieter Artillerie rückt an

Die Kanoniere von Hauptmann Begle mühten sich nach Kräften ab. Sie hatten die Birch geräumt um sich an der Verfolgung der Basler zu beteiligen. Aber dazu mussten sie den zeitraubenden Weg über Augst einschlagen. Die anderen beiden Vierpfünder vom Kampf am Hülftengraben bei Frenkendorf hatten auch Zeit verloren, da das von Hand gezogene Geschütz wiederholt umgestürzt war. Zu den beiden Verletzten dieses Unfalls kam noch ein Artillerietambour dem eine Basler Kartätsche den Fuss aufgerissen hatte. Trotzdem hatte diese Batterie bereits das Rote Haus auf dem Weg in die Hard passiert.

Begles beide Geschütze wollten so rasch wie möglich ebenfalls zur Hard gelangen. Nachdem die Basler mit ihren mächtigen Kanonen das Schlachtfeld geräumt hatten, mussten die alten Vierpfünder aus Luzern ihren Teil zum Sieg tun. Sie waren die Artillerie des Baselbiets, und durften jetzt auf keinen Fall die Infanterie im Stich lassen. Auf dem Wegstück zum Roten Haus lagen vereinzelte tote Basler. Bei einigen standen Baselbieter Schützen und machten sich an den Körpern zu schaffen. Im Hardwald waren noch immer Schüsse zu hören. Es galt die Pferde anzutreiben um noch rechtzeitig zu kommen.

Auf der anderen Seite waren die meisten Basler Geschütze auf der Flucht schon am grössten Teil der Rückzugskolonne vorbei. Für die Verwundeten war damit jede Hoffnung auf Rettung dahin. Aber der 47jährige Leutnant Leonhard VonderMühl von den Scharfschützen, im Zivilleben Kaufmann, half wo es ging. Er brachte einige Soldaten dazu einen Verwundeten zu tragen, bis noch eine Kanone kam. Sie fuhr weiter ohne den Verletzten aufzunehmen. Dann kam die letzte Kanone von Hauptmann Stehlin. VonderMühl griff dem Gespann in die Zügel und stoppte es. Man lud den Verwundeten auf, der so dem Tod entkam.

Das sinnlose Opfer des Hauptmanns Wettstein

Joseph Gutzwiler war erschöpft. Im Wald spendeten die Bäume zwar Schatten vor der heissen Augustsonne. Aber er war mit seinem Kameraden jetzt den Baslern seit dem Prattler Rain auf den Fersen. Und dabei waren ständig Schüsse mit dem Gegner gewechselt worden. Dass ständige rennen von Deckung zu Deckung war schweisstreibend und ermüdete. Auf der Höhe von Muttenz brachen sie die Verfolgung der Basler Kolonne ab. Man konnte von weiter vorne aber immer noch Schüsse hören. Die Spitze der Basler Kolonne hatte den Wald verlassen und kam nun wieder unter starkes Feuer.


dietrich wettstein
Auf den Feldern vor Muttenz waren vorausgeeilte Baselbieter Schützen in Stellung gegangen und hatten auf die Basler gelauert wie der Jäger auf das Wild. Hier kam den Baslern auch der 38jährige Hauptmann Dietrich Wettstein entgegen. Er war der letzte männliche Nachkomme des berühmten Basler Bürgermeisters Rudolf Wettstein. Mit der Eilkutsche war des Nachts von Rippoltsau im Schwarzwald nach Basel gefahren, um seine Pflicht als Offizier zu tun. Daheim hatte sich der weltgewandte Kaufmann in die Uniform gestürzt und machte sich auf den Weg ins Feld.

Bei der Birsbrücke traf er den verwundeten Oberstleutnant Burckhardt der Standeskompanie. Von ihm erfuhr er wie schlecht es aussah. Als Wettstein zum Hardeingang kam, strömten ihm erschöpfte Soldaten entgegen. Zornig bezichtigte er einige zufällig getroffene Jäger seiner Kompanie der Feigheit. Er befahl einen Gegenangriff. Niemand beachtete den Befehl. Im Gegenteil; die Männer wollten ihm den Gedanken ausreden. Aber Dietrich Wettstein war entschlossen zu handeln. Mit blankem Degen rannte er alleine in den Wald: "Mir nach wer ein Basler ist!" Kurz darauf lag er tot im Unterholz.

ausgang der hard bei birsfelden

Wo 1833 die Strasse vom Rand der Hard zum inneren Hardhübel führte endet heute die Tramlinie 3. Kaum hatten die Basler hier den Wald verlassen, erwarteten sie in der linken Flanke weitere gegnerische Schützen in den Muttenzer Feldern.

In Sichtweite von Basels Kirchtürmen

Vor dem inneren Hardhübel beim Birsfeld packte Wachtmeister Hauser die nackte Angst. Lange hatte er sich nicht von der Panik anstecken lassen. Auf dem letzten Wegstück in der Hard war ihm noch der weinende Lukas Sarasin begegnet. Er berichtete vom Tod Benedikts, und dass er die Leiche hatte liegenlassen müssen. Hauser bot an mitzugehen um den Toten zu holen. Der tränenüberströmte Lukas wehrte ab. Er wusste dass sein Bruder nicht mehr lebte, und dass es Selbstmord war zu ihm zurückzugehen. Die beiden Scharfschützen machten sich wieder auf den Weg, hinaus aus dem Wald.

Auf der Strasse vor der Hard, in Sichtweite der Basler Kirchtürme, sah Hauser im Staub die Kugeln der Baselbieter aufspritzen. Zu ihrer linken Seite mussten die Felder geradezu voll mit gegnerischen Schützen sein. Ihn überkam die Angst davor in solcher Nähe von Frau und Kindern noch den Tod zu finden. Er musste die Strecke zum Birsfelder Hardhübel so schnell wie möglich hinter sich bringen. War er auf dem abschüssigen Teil der Strasse, bot ihm der Hügel Deckung. Hauser warf seinen Stutzer über die Schulter und rannte schweissgebadet um sein Leben. Jetzt um Gottes Willen nicht noch angeschossen werden!

Beim Stadtcasino am Steinenberg

Peter Stähelin hatte bereits gesehen wie erste Fuhrwerke mit Verwundeten nach Basel gekommen waren. Nun wurde was sich vor rund drei Stunden abzeichnete immer klarer - der Feldzug des Basler Militärs war gescheitert. Als Stähelin über den Barfüsserplatz zum Casino ging traf er dort auf eine grosse Volksmenge. Er erfuhr dass soeben Oberstleutnant Burckhardt von der Standeskompanie als Verwundeter angekommen sei, und dass die Basler Truppen auf der Flucht seien. Immer mehr Verwundetenwagen sah Stähelin von der Casinotreppe aus ankommen. Erschüttert suchte er Bekannte unter den Verletzen.


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Beitrag erstellt 08.05.08 / Nachgeführt 31.07.12

Quellen:

August Bernoulli, Basel in den Dreissigerwirren, Band IV - Von der Anerkennung des Kantons Basel-Landschaft bis zur gänzlichen Trennung von 1833, 88. Neujahrsblatt der GGG, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1910, Seiten 54 bis 58 und 61 bis 62

Martin Birmann, Beitrag "Der 3. August 1833", publiziert im Basler Jahrbuch 1888, herausgegeben von Albert Burckhardt und Rudolf Wackernagel, C.Detloff's Buchhandlung, Basel, 1888, Seiten 106 bis 108

Rudolf Hauser-Oser, Beitrag "Der 3. August 1833 - Aufzeichnungen eines Augenzeugen", publiziert im Basler Jahrbuch 1884, herausgegeben von Albert Burckhardt und Rudolf Wackernagel, C.Detloff's Buchhandlung, Basel, 1884, Seiten 161 bis 166 und 168

Eduard His, Basler Handelsmänner des 19. Jahrhunderts, Verlag Benno Schwabe & Co, Basel, 1929, Seiten 145 bis 148 (zu Leutnant Leonhard VonderMühl)

Eduard Schweizer, Beitrag "Der Sieg der Schweizerischen Regeneration im Jahr 1833", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 46, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1947, Seiten 109 bis 110

Felix Stählein, Beitrag "Erlebnisse und Bekenntnisse aus der Zeit der Dreissigerwirren", publiziert im Basler Jahrbuch 1941, herausgegeben von Ernst Jenny und Gustav Steiner, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1940, Seiten 163 bis 164 (zu zeitgenössischen Briefen des Geistlichen Peter Stähelin)

Gustav Steiner, Beitrag "Bericht eines Therwilers über den 3. August 1833", publiziert im Basler Jahrbuch 1938, herausgegeben von Ernst Jenny und Gustav Steiner, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1937, Seite 152 (zu Erinnerungen des Josef Gutzwiler-Schaub)

Adolf Vischer, Die Geschichte des dritten August 1833, Verlag Felix Schneider, Basel, 1888, Seiten 37 bis 39

Fritz Vischer, Beitrag "Erlebnisse von Remigius Merian zum Roten Haus am 3. August 1833" im Basler Jahrbuch 1905, herausgegeben von Albert Burckhardt-Finsler, Rudolf Wackernagel und Albert Gessler, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1904, Seiten 166 bis 168

Bericht von Hauptmann Martin Begle zum 3. August 1833, Transkription aus Trennung A6, Matthias Manz im Aktenverweis Art.Hpm. Martin Béglé, StABL 98.02 Trennung, Datum 9.9.87

Karl Weber, Die Revolution im Kanton Basel 1830-1833, Verlag Gebrüder Lüdin, Liestal, 1907, Seite 215

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