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Wie aus dem Stift St.Leonhard der Lohnhof wurde



Frau M. / 03. April 2011:

Wie ist der heutige "Lohnhof" zu seinem Namen gekommen?

Antwort von altbasel.ch:

Der Übergang des Stifts St.Leonhard an Basel

Der Ursprung des "Lohnhof" geht zurück auf das 16. Jahrhundert. Im Vorfeld der Reformation bestand das Stift St.Leonhard der Augustiner-Chorherren aus dem Prior Lukas Rollenbutz so wie den Stiftsbrüdern Konrad Rouber, Konrad Winkler, Wolfgang Vigenbutz, Johannes Miltenberg, Johannes Schlat und Bonaventura Glaser.
[1] Diese wenigen, diese Schar von Brüdern, waren der kümmerliche Rest eines ehemals blühenden Konvents. Dieser Konvent sei im Frühjahr 1525 vom Aussterben bedroht gewesen.

Das übergeordnete Kapitel zu Windesheim habe seinen Stiften die Aufnahme weiterer Novizen verboten. Damit wäre das Stift St.Leonhard mangels Nachwuchs zum Untergang verurteilt gewesen. Dies hält die Urkunde fest, mit der am 1. Februar 1525 die Übergabe des Klosters an die Stadt vereinbart wurde.
[2] Rudolf Wackernagel (1855-1925) vermutete 1924 in seinem Werk zur Basler Geschichte, dass sich Stift und Stadt zu damit gemeinsamer "Abwehr" gegen die Bedrohung aus Windesheim zusammentaten. [3]

lohnhof um 1640

Das ehemalige Stift der Augstinerchorherren um 1640, als es Sitz der Schaffnei St.Leonhard war. 1668 zog die Schaffnei wegen Umstrukturierungen aus und die Liegenschaften wurden vom Lohnamt bezogen.

Beat Matthias von Scarpetti (geboren 1941) rollte in einer 1974 publizierten Dissertation die Geschichte des Stifts auf. Er beleuchtete auch den Übergang des Klosters an Basel, und äusserte Zweifel an Wackernagels Theorie. Nirgends fänden sich Hinweise für ein vom Generalkapitel Windesheim ausgesprochenes umfassendes Verbot zur Aufnahme von Novizen. Vielmehr scheine dieses Argument eine Schutzbehauptung gewesen, um zu verschleiern dass der Basler Konvent sich vom Orden abgewandt habe. [4]

Zugleich widersprach von Scarpetti einer anderen, früher geäusserten Theorie. Dieser gemäss sollte der Übergang des Klosters an die Stadt verhindern, dass das Stift samt Vermögen und Privilegien beim Eingehen des Basler Konvents an den Orden der Augustiner fielen, und für Basel verloren gewesen seien. [5] Diese Gefahr habe indes nicht bestanden. Allenfalls hätten alte Ansprüche des Bischofs von Basel eine Rolle spielen können. [6] Die Übergabe des Klosters sei vom Konvent selbst ausgegangen.

Prior Lukas Rollenbutz war der Sache der Reformation wohlgesonnen. Auch unter den wenigen verbliebenen Brüdern des Stifts seien diese neuen Ideale verbreitet gewesen. Ein Indiz dafür dass aus der Mitte des Konvents der Antrieb zur Übergabe des Stifts gekommen sein kann, ist in der Chronik des Kartäusermönchs Georg Zimmermann von Brugg zu finden. Er vermutete, dass "Lutheranos" (Lutheraner) die Brüder von St.Leonhard dazu verleitet hätten, während sich der Rat dem Ansinnen länger widersetzt habe. [7]

Der eigentliche Übergang wickelt sich folgendermassen ab. Der Rat von Basel bestimmte am 30. Januar des Jahres 1525 zwei Pfleger die sich der Verwaltung des Stifts annehmen sollten. [8] Es handelte sich dabei um den Oberstzunftmeister Jakob Meier so wie den Meister der Zunft zu Gerbern- und Schuhmachern, Urban von Brunn. Am folgenden 1. Februar 1525 traten die verbliebenen Chorherren aus dem Orden der Augustiner aus und waren damit nicht mehr länger Kanoniker nach der Regel Augustins.

Vor dem Ordensaustritt übergab der Konvent das Stift der Stadt. Die ausgetretenen Brüder erhielten von der Stadt unter anderem wiederum das Recht weiterhin im Stift zu leben. Ferner bekamen sie eine jährliche Pension von 64 Gulden so wie je ein Quantum Korn und Wein. Die Pension von Prior Rollenbutz betrug 128 Gulden, und er bekam die 70 Gulden zurück die er ins Kloster eingebracht hatte. Ferner wurden ihm zwei silberne Trinkgeschirre zurückgegeben, die er von seiner Mutter hatte. [9]

Pfleger und Schaffner

Das Stift existierte mit dieser Regelung unter Aufsicht der Stadt Basel formell weiter. Verwaltet wurde es von den genannten Pflegern. Wie es sich mit der Reformation auch bei anderen Klöstern einbürgerte, waren beide Pfleger Mitglieder des Rates. Dadurch waren sie vertraut mit geschäftlichen Abläufen und verfügten zugleich über die nötige Autorität um die Angelegenheiten ihrer Klöster angemessen vertreten zu können. Juristisch gesehen ersetzten Pfleger Abt und Konvent der Klöster. [10]

Faktisch hielten die Pfleger die Illusion funktionierender Klöster aufrecht, auch wenn es dort längst keine Mönche mehr gab. Noch lange nachdem die Zellen der Mönche und Speisesäle der Klöster verwaist waren, kauften und verkauften diese Geisterklöster Grund und Boden oder Zinsen. Langjährige Geschäftsbeziehungen wurden so über die Reformation hinaus aufrecht gehalten und Geschäftspartner nicht beunruhigt. Modellfall für diese Praxis war das Vorgehen beim Stift St.Leonhard 1525.

Dem Pfleger stand als ausführendes Organ der Schaffner zur Seite. Waren die Schaffner früher als weltliche Beamte der jeweiligen Klosterleitung verpflichtet, unterstanden sie mit dem Umwälzungen der Reformation den Pflegern. In den Händen der Schaffner ruhte die eigentliche Verwaltung des klösterlichen Vermögens. Pfleger und Schaffner waren als Klosterverwalter in weiten Bereichen autonom und fungierten selbständig im Interesse des Klosters und nicht primär als Vertreter des Staates.

Dies war wichtig, damit die nur noch formell existierenden Klöster von Dritten bei Geschäften auch als eigenständige Institutionen anerkannt wurden. Damit konnten die eigentlich im Besitze der Stadt stehenden Klöster so verwaltet werden wie es ihren Bedürfnissen am besten entsprach. Dies war schlussendlich auch im Interesse der Stadt. Mit dem Übergang an die Stadt gingen die alten Ordensklöster in sogenannten Schaffneien auf. St.Leonhard war die erste von ihnen, da sie noch vor der Reformation entstanden war.

Stift St.Leonhard wird Lohnhof

Im 17. Jahrhundert wurde das Schaffneiensystem umgestaltet. Im Jahr 1659 wurde der Besitz des Augustinerklosters mit dem Vermögen der Pfarrkirche St.Martin zusammengelegt. Weitere Vereinfachungen folgten 1668/69. wobei der Bestand von insgesamt elf Schaffneien auf deren fünf reduziert wurde. Betroffen von dieser Massnahme war auch die Schaffnei St.Leonhard. Wie knapp zehn Jahre zuvor das Augustinerkloster, wurde St.Leonhard zusammen mit der Schaffnei Predigerkloster St.Martin angeschlossen. [11]

Mit dieser Reduktion benötigte nicht mehr jedes einzelne Kloster einen eigenen Schaffner. Daher wurden die Amtsräume des bisherigen Schaffners zu St.Leonhard frei. Neu wurden sie vom Basler Lohnherrn mit seinem Lohnamt belegt. Ihm unterstand das städtische Bauwesen. Er zahlte auch den Lohn an die im Dienste der Stadt stehenden Arbeiter aus. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung "Lohnhof", die später auch auf das dortige Untersuchungsgefängnis überging und bis heute überlebt hat. [12]

Zusammenfassung

Das Stift St.Leonhard hatte sich unter seinem Prior Lukas Rollenbutz vermutlich bereits vor der Reformation in Basel stark von seinem Orden entfernt. Dies mündete im Februar 1525 in die Übergabe des Klosters an die Stadt. Im Gegenzug erhielten die Chorherren von St.Leonhard eine Pension und das Recht, weiterhin in einem gewissen Rahmen ihr geistliches Leben im Stift fortzusetzen. St.Leonhard war das erste Basler Kloster, das an den Staat überging. Andere folgten mit der Reformation von 1529.

Das Chorherrenstift von St.Leonhard erlosch, da bald keine Stiftsbrüder mehr in ihm wohnten um den Klosteralltag am Leben zu erhalten. Aber die Geschäfte des Stifts wurden fortgesetzt. Der Staat setzte dazu eigens sogenannte Pfleger und Schaffner ein. Sie nahmen sich, autonom vom Staat, der Verwaltung der Klöster an, auch wenn diese ohne Mönche nur noch formell existierten. Auf diese Weise konnten möglichst reibungslos die gewohnten Geschäfte der Klöster weiter erledigt werden, so etwa das Einziehen von Zinsen.

Der Schaffner von St.Leonhard hatte die Amtsräume im ehemaligen Stift, welches zu einer sogenannten Schaffnei geworden war. 1668/69 wurden die elf Basler Schaffneien zu fünf zusammengelegt. In einer davon ging auch St.Leonhard auf. Jetzt brauchte es hier keinen eigenen Amtssitz für einen Schaffner mehr. Stattdessen zog das für das städtische Bauwesen verantwortliche Lohnamt mit dem Lohnherrn ein. Er bezahlte den Arbeitern der Stadt auch den Lohn, woher der bis heute gebräuchliche Name "Lohnhof" stammt.


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Beitrag erstellt 06.04.11

Anmerkungen:

[1] R. Thommen, Urkunde 34, publiziert im Urkundenbuch der Stadt Basel, Band 10, Basel, 1908, Seite 24, Zeilen 36 bis 39

[2] R. Thommen, Urkunde 34, publiziert im Urkundenbuch der Stadt Basel, Band 10, Basel, 1908, Seite 24

[3] R. Wackernagel, Kapitel 2 "Das Jahrzehnt der Reformation", 11. Buch, publiziert in Geschichte der Stadt Basel, Band 3, Basel, 1924, Seite 364

[4] B.M. v. Scarpetti, Unterabschnitt "2. Die Übergabe des Stifts an die Stadt und seine Hinwendung zur Reformation", Abschnitt "IX. Die Loslösung von Windesheim", Kapitel "Die Reform: St.Leonhard als Priorat des Windesheimer Kapitels (1452/62-1525), publiziert in Die Kirche und das Augustiner-Chorherrenstift St.Leohard in Basel, Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft Band 131, Basel, 1974, Seite 340

[5] E. Schweizer, Abschnitt "I. Die Säkularisation", Beitrag "Das Basler Kirchen- und Schulgut in seiner Entwicklung bis zur Gegenwart", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 9, Basel, 1910, Seiten 181 bis 182

[6] B.M. v. Scarpetti, Unterabschnitt "2. Die Übergabe des Stifts an die Stadt und seine Hinwendung zur Reformation", Abschnitt "IX. Die Loslösung von Windesheim", Kapitel "Die Reform: St.Leonhard als Priorat des Windesheimer Kapitels (1452/62-1525), publiziert in Die Kirche und das Augustiner-Chorherrenstift St.Leohard in Basel, Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft Band 131, Basel, 1974, Seite 340 bis 341

[7] G. Carpentarii, "Narratio rerum, quae reformationis tempore Basileae et in circumjacentibus regionibus gestae sunt", in "Continuatio chronicorum Carthusiae in Basilea minori", publiziert in Basler Chroniken, Band 1, Leipzig, 1872, Seite 390, Zeilen 1 bis 9

[8] E. Miescher, Abschnitt "10. Die Aufhebung des Stifts", publiziert in Die Reformation in Basel und speziell zu St.Leonhard, Basel, 1917, Seite 27

[9] R. Thommen, Urkunde 34, publiziert im Urkundenbuch der Stadt Basel, Band 10, Basel, 1908, Seite 27

[10] E. Schweizer, Absatz "b) Die Pfleger", Unterabschnitt "1) Die einzelnen Schaffneien", Abschnitt "III. Die Verwaltung", Beitrag "Das Basler Kirchen- und Schulgut in seiner Entwicklung bis zur Gegenwart", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 9, Basel, 1910, Seite 208

[11] E. Schweizer, Unterabschnitt "2) Die Vereinigung der Schaffneien", Abschnitt "III. Die Verwaltung", Beitrag "Das Basler Kirchen- und Schulgut in seiner Entwicklung bis zur Gegenwart", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 9, Basel, 1910, Seite 224 und 225

[12] F. Maurer, Unterabschnitt "VI. Seit der Reformation", Abschnitt "Die Geschichte", Beitrag "Das Kloster und die Pfarrkirche St.Leonhard", publiziert in Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 4, Basel, 1961, Seite 153


Quellen:

Georgio Carpentarii de Brugg (Georg Zimmermann), "Continuatio chronicorum Carthusiae in Basilea minori", publiziert in Basler Chroniken, Band 1, herausgegeben von der Historischen Gesellschaft in Basel, Verlag von S. Hirzel, Leipzig, 1872, Seite 390, Zeilen 1 bis 9

François Maurer, "Das Kloster und die Pfarrkirche St.Leonhard", publiziert in Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 4, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Birkhäuser Verlag, Basel, 1961, Seite 153

Ernst Miescher, Die Reformation in Basel und speziell zu St.Leonhard, Basler Missionsbuchhandlung, Basel, 1917, Seite 27

Beat Matthias von Scarpetti, Die Kirche und das Augustiner-Chorherrenstift St.Leonhard in Basel, Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft Band 131, Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1974, ISBN 3 7190 0628, Seite 340 und 341

Eduard Schweizer, Beitrag "Das Basler Kirchen- und Schulgut in seiner Entwicklung bis zur Gegenwart", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 9, herausgegeben von der Historischen und antiqarischen Gesellschaft zu Basel, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1910, Seiten 181 bis 182, 208 und 224 bis 224

Rudolf Thommen, Urkundenbuch der Stadt Basel, Band 10, herausgegeben durch die Historische und Antiqarische Gesellschaft Basel, Verlag Helbing & Lichtenhahn vormals Reich-Detloff, Basel, 1908, Seiten 24 und 27

Rudolf Wackernagel, Geschichte der Stadt Basel, Band 3, Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1911, Seite 364

Gustav Adolf Wanner, Häuser Menschen Schicksale, Band 3, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1988, ISBN 3-85815-173-4, Seiten 102 bis 104

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