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barbaraweggen 2012

Der Barbaraweggen in Basel
© by altbasel.ch

Der Barbaraweggen ist eigentlich kein Stück Basler Geschichte. Aber mit ihm wurde in Basel ein Stück Geschichte wiederbelebt, welches derzeit nirgendwo sonst als Brauch gepflegt wird. Es handelt sich um eine Kanoniertradition zum 4.Dezember, die durch den Basler Verein Rost & Grünspan zu neuen Ehren kam. Der Brauch geht zurück auf das Jahr 1798, als französische Besatzungstruppen unter General Schauenburg einen Volksaufstand im Kanton Nidwalden blutig niederschlugen.

Damals wurde die Schweiz unter der Regie des revolutionären Frankreich einer neuen Ordnung unterworfen. Besonders die Urkantone widersetzten sich jedoch der Aufhebung ihrer alten Machtstrukturen. Die Nidwaldner waren bereit sich mit Waffen dagegen zu wehren. Es wurden Truppen gegen sie in Marsch gesetzt. Nach einem halben Tag des Widerstands mussten die Rebellen der Uebermacht weichen. Eine wütende französische Soldateska brachte Tod und Verwüstung in die Täler.


baeckerkompanie 5

Fourier und Wehrmänner der Bäckerkompanie 4 im Aktivdienst 1939-1945. Sie belebten den Barbaraweggen 1942 erneut - ausserhalb ihrer regulären Dienstzeit.

Drakonische Bestrafung sollte allen rebellisch gesonnenen Eidgenossen die Lust an weiteren Aufständen nehmen. Viele Zivilisten fanden erst nach dem Kämpfen den Tod, umgebracht von französischen Marodeuren. Das Direktorium in Aarau sprach den französischen Streitkräften für dieses Blutbad den Dank der Helvetischen Republik aus. Der Schreckenstag von Nidwalden liess zahllose Waisenkinder zurück. Heinrich Pestalozzi, ein Gegner des Aufstandes und ein Bewunderer revolutionärer Ideale, nahm sich erschüttert der Waisen an. Aus der ganzen Eidgenossenschaft traf Hilfe für das darbende Nidwalden ein.

Auch drei Kaufleute wollten helfen die Not der Waisen zu lindern. Die Handelsherren hatten einst, wie viele Schweizer seinerzeit, in der Armee des Königs von Frankreich gedient, als Artilleristen. Sie waren Veteranen des französischen Feldzugs auf Korsika 1768-1769. Geführt von ihren Geistlichen widersetzten sich die Korsen im Bergland der Fremdherrschaft durch die französische Krone. König Ludwig XV. liess den Aufstand durch seine Truppen, auch Schweizerregimenter, niederschlagen.

Kriegselend war den drei Kaufleuten also nicht fremd. Sie beschlossen zum Barbaratag 1798 jedem Kind einen Laib Brot zu spenden. Obwohl ihre Militärzeit schon mehr als drei Jahrzehnte zurücklag, blieben sie offenbar St.Barbara treu, der Schutzheiligen der Mineure, Bergleute und Kanoniere. Daher wurde die Spende auf den 4.Dezember festgelegt, den Ehrentag der Patronin. Aus der Spende der Kaufleute wurde eine jährliche Brotgabe an bedürftige Waisen.

Bedarf für Mildtätigkeit gab es damals genug. Mit dem Ende der französischen Herrschaft geriet auch der Barbaraweggen in Vergessenheit. Fast hundert Jahre dauerte der Dornröschenschlaf, bis zur Grenzbesetzung 1914-1918. Ein Wachtmeister der Feldartillerie griff 1916 die Idee neu auf. In einer Feldbäckerei liessen die Artilleristen Brötchen backen, die mit dem Verkauf von Soldatenmarken finanziert wurden. Am Barbaratag verteilten sie die Weggli an die Kinder des Dorfes wo die Batterie einquartiert war.

Der Weggenpate verstarb im Herbst 1918 an der grassierenden Spanischen Grippe. Nach dem Krieg wurde der Brauch schnell vergessen. Während des Aktivdienstes 1939-1945 erlebte der Barbaraweggen seine erneute Wiedergeburt. Wehrmänner der Bäckerkompanie 4 schoben zum Barbaratag 1942 ausserdienstlich erstmals gesüsste Weggli in den Ofen. Diese Brötchen wurden am Abend des 4.Dezembers von Kanonieren einer Gebirgsbatterie an die Jugend der Kantonnementsgemeinden verteilt und fanden grossen Anklang.


faherifahre

Angehörige von Rost & Grünspan überqueren nach der Sammeltour mit der Münsterfähre den Rhein. In der Mitte ein Basler Original; der Fährmann Jacques Thurneysen und ein Basler Setzlig mit Weggen.

Zum letzten Mal trat der Weggen 1944 auf. Im Mai 1945 war der Krieg in Europa zuende, und im darauffolgenden Dezember standen keine Schweizer Wehrmänner mehr unter Waffen, die den Weggen hätten verteilen können. Mit dem Krieg verschwand auch wieder der Weggen. Der Brauch wurde nicht wieder aufgegriffen. Der Weggen hatte seine grossen Momente immer in Tagen von Not und drohendem Krieg, obschon es auch in Friedenszeiten inmitten der Wohlstandsgesellschaft Bedarf nach Wohltätigkeit gibt. Mit diesem Anliegen hat die Vereinigung Rost & Grünspan den Wegglibrauch neu belebt.

Sie führt seit dem 200. Jahrestag der Brotspende 1998 den Brauch in Verbindung mit einer öffentlichen Sammlung zugunsten des Kinderheims Lindenberg durch. Bis im Sommer 1999 wurde das Kinderheim am Oberen Rheinweg 93 von den Lindenbergschwestern geführt. Seit August selben Jahres ist das ehemalige Kinderheim Bachgraben am Lindeberg ansässig, und mit Heimleiter Urs Fischli fand sich jemand, der den wohltätigen Brauch weiterhin unterstützt und sogar zum Barbaratag 1999 die wackeren Geldsammler erstmals mit einem Mittagessen bewirtete.

Die Kollekte wird von Freiwilligen am Morgen des Barbaratags durchgeführt. In historischen Artillerie-Uniformen von 1914-18 aus dem Fundus von R&G geht am Morgen des 4.Dezember jeweils eine Sammelgruppe durch die Basler Innenstadt, um Geld für das Heim zu sammeln um dabei den traditionellen süssen Barbaraweggen an die Kinder auszuteilen, welche auf der Strasse angetroffen werden. Die Sammeltour beginnt alljährlich um 08.30 Uhr unter der Statue der Heiligen Barbara am Fischmarkbrunnen.

Organisation und Durchführung des Barbaraweggens liegen beim Verein R&G. Seit dem ersten Tag stiftet das Merian Iselin Spital die Weggen für die Heimkinder. Die historischen Uniformen werden ohne Blankwaffen getragen, denn man tritt Kindern gegenüber - Waffen wären hier deplaziert. Gegen halb Zwölf besteigt die Gruppe nach ihrer Sammeltour die Münsterfähre, um zum Kinderheim am Oberen Rheinweg 93 überzusetzen, wo das Geld ausgezählt und übergeben wird. Danach werden die Sammler vom Heim zu einem Mittagessen begrüsst.




Querverweise:

> > Der Barbaratag in Basel

Surftipp:

> Website des Vereins Rost & Grünspan



Literatur:

Hans Nabholz, Schweizer Kriegsgeschichte, Heft 8 - Die Schweiz unter Fremdherrschaft, 1921, Verlag des Oberkriegskommissariats, Seiten 31 bis 38

D.Imesch, Die Kämpfe der Walliser gegen die Franzosen, 1899, Im Auftrag des historischen Vereins Oberwallis, Seite 97

Nemitz Thierse, St.Barbara - Weg einer Heiligen durch die Zeit, 1996, Edition Glückauf, ISBN 3-7739-0639-0

Archiv des Artillerie-Vereins Basel-Stadt

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