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Der Tambourmajor
© by altbasel.ch

Tritt uns heute die Basler Fasnacht als ein ferner Spiegel verflossener miliärischer Tradition entgegen, so erscheint dabei eine Figur ganz besonders als martialische Gestalt - der Tambourmajor. Larvenschmuck und Kostümstoff vermögen die kriegerische Herkunft nicht zu verbergen, schon sein Titel ist unvekennbar ein alter militärischer Rang.

le tambourmajor

Seinen Stock schwingend schreitet er gemessenen Schritts den Tambouren voran durch die Strassen. Schon Heinrich Heine verewigte diese Gestalt in seinem Gedicht "Der alte Tambourmajor", wo dieser von fescher Gestalt in fremden Landen die Herzen der Damen eroberte, derweil sein Kaiser Napoleon I. die Herren in die Knie zwang.

Auch in der komischen Oper "Die Tochter des Tambourmajors" von Jacques Offenbach hat er ebenso seinen Platz wie im sozialkritischen Drama "Woyzeck" nach Georg Büchner, wo ein eitler Tambourmajor in seiner prachtvollen Uniform die Geliebte des tragischen Helden anbaggert, was schliesslich zu Mord und Totschlag führt.

Als die Trommeln noch zur militärischen Signalgebung dienten, hatte ein spezieller Unteroffizier die Trommler auszubilden und zu beaufsichtigen. Die Rangbezeichnung "Major" zeigt an, dass der Tambourmajor, obschon Unteroffizier, relativ hoch einzustufen war. Seine fachliche Kompetenz stellte ihn oft sogar über niedere Offiziersgrade.


Im Dienste ihrer Majestät

Frühe Angaben zum Tambourmajor finden sich in England. Ist um 1579 noch von einem "Chief Drummer" (Trommlerchef) die Rede, ist für 1590 die Aussage belegt, dass jedes Regiment über einen "Dromme Maior" verfügen sollte. In der neuen britischen Armee, die Mitte des 17.Jh entstand, durfte auch der Tambourmajor nicht fehlen.

Überliefert ist etwa, dass die Grenadier Guards im Oktober 1662 einen Tambourmajor für ihre Trommler zugestanden bekamen. Man musste ein guter Trommler sein, um diesen Rang bekleiden zu können, denn im 18.Jh wurde verlangt dass der Tambourmajor mit eigener Hand auf der Trommel vorführen könne was er die Tambouren lehrte.

Auch wurde erwartet dass er die Gesellschaft von Unteroffizieren jener von Tambouren vorzog. Dies sollte seinen Rang unterstreichen und verhindern dass man den Tambourmajor im Lichte eines gemeinen Trommlers sah. Er war nicht nur für die Trommelkunst verantwortlich, sondern auch für die tadellose Uniform eines jeden seiner Tambouren.


uniosarmee 1863

Junger Tambourmajor der Nordstaatenarmee mit seinen Trommlern um 1863 während des amerikanischen Bürgerkriegs. Man beachte den "Tugh" der noch heute an der Fasnacht kaum verändert auftaucht.

Die Uniform des Tambourmajors war von ausgesuchter Pracht und erhob ihn über die Trommler. Neben seinem natürlichen Fachgebiet unterstand ihm auch das Postwesen. Ausserdem musste der Tambourmajor in der englischen Armee das Auspeitschen fehlbarer Soldaten überwachen, und zuvor prüfen ob die Peitsche den Vorschriften entsprach.


Französische Paten

Eine frühe Nennung eines Tambourmajors in Basel fällt in das Jahr 1712. Damals fand auf dem Petersplatz ein bis dahin einmaliges Spektakel statt - siebzig Tambouren gaben ein Trommelkonzert. Die Darbietung wurde von einem Generaltambourmajor geleitet, von dem bekannt ist dass er aus Pratteln stammte.

Der Tambourmajor in Basel hat im 19.Jh deutlich französische Züge geerbt. Mit der Besatzungsazeit ab 1798 lernten die Basler auch den Tambourmajor des neuen französischen Heeres kennen, der mit all seiner Pracht eben Heine schon beschrieben hatte. Nach dem Ende Napoleons blieben auch in Basel Spuren seines militärischen Pomps.

Die Franzosen wählten vielfach grossgewachsene Männer zum Tambourmajor. Die Grösse wurde durch eine hohe Bärenfellmütze betont und den Rang unterstrich eine schöne Uniform. So überragte der Tambourmajor optisch gleich doppelt die Truppe. Ein fernes Erbe mögen heute an der Fasnacht die gewaltigen Larven der Tambourmajore sein.


Tambourmajor Jakob Gerster

Der wohl bekannteste Tambourmajor der Region in der Epoche nach Napoleon kam nicht aus Basel sondern aus Gelterkinden im oberen Baselbiet. Der 1822 geborene Jakob Gerster amtete dort als Bannwart und er war sehr gross, weshalb er den Übernahmen "dr lang Boni" trug. In französischer Tradition machte man ihn zum Tambourmajor.

Gerster war Tambourmajor im Baselbieter Bataillon 27 und wurde zum Objekt zahlloser Legenden, bevor er 1865 bei einem Unfall starb. Seine Bärenfellmütze krönte ein noch höherer rot-weisser Federbusch. Silberne Schulterstücke und weisse Stulpenhandschuhe ergänzten das Tenü, und mit Schnurr- und Backenbart kam er mächtig maskulin daher.

Nach lokalem Dafürhalten sei er der schönste Tambourmajor der Schweiz gewesen. Auch habe er seinem Stock beim Marsch durch Liestal so hoch werfen können, dass er in hohem Bogen über das obere Tor flog. Gerster sei durch das Tor gerannt, und habe jeweils den Stock aussen wieder gefangen. Zeugen dafür leben allerdings keine mehr.


tambourmajore

Die Tambourmajore der Basler Fasnacht unserer Tage kommen unterschiedlich daher. Links sehen wir Erich Honecker, die DDR-Nostalgie thematisierend, rechts führt ein klassischer Stänzler seine Tambouren und Pfeifer durch die Gassen der Stadt.

Ein türkisches Machtsymbol

Der Stock des Tambourmajors stammt wahrscheinlich vom "Tugh" ab, einem Stock der oft einen runden Knauf hatte und der mit einem Pferderschweif geschmückt war. Der Tugh kam ursprünglich aus dem türkisch-mongolischen Kulturraum und er symbolisierte im türkischen Heer des Mittelalters militärische Autorität, gleich einem Feldzeichen.

Die tragende Rolle welche die Trommler bei den Anfängen der modernen Fasnacht im 19.Jh spielten, brachten auch den ebenfalls aus dem Militärischen kommenden Tambourmajor mit ins Fasnachtstreiben. Vor den Tambouren schreitend, wurde er mit seinem geschwungenen türkischen Stock zu einer besonderen Attraktion der Fasnacht in Basel.

Das Schwingen und Schleudern des Stockes, wie es etwa Jakob Gerster beherrschte, wurde zu einer Kunstform erhoben. Eine Tambourengruppe die etwas auf sich hielt musste mit einem Tambourmajor aufwarten können. So mehrte sich in Basel diese Gattung zur Fasnacht weit über den Rahmen des militärischen Bedarfs hinaus.


Die Kunst des Stockschwingens

Die Kunst des Stockschwingens an der Fasnacht ist heute weitgehend verloren gegangen. Wie sollte auch ein Tambourmajor unserer Tage in seiner riesigen Larve und seinem schweren Kostüm derart akrobatische Darbietungen vollführen? Anders verhielt sich dies im 19.Jh, als an den Wurfarm eines Tambourmajors hohe Anforderungen gestellt wurde.

Mitten im Marsch konnte ein geübter Tambourmajor den Stock schwungvoll in die Luft werfen und ruhig weitergehen, sich umdrehen und rückwärts laufen um seine Tambouren im Auge zu haben, ohne dabei nach dem fliegenden Stock zu sehen. Intensives Trainings liess ihn wissen, wann und wo der Stock hinabkam und wie er ihn sicher auffangen konnte.

Verfehlte der fallende Stock seine Hand, so war sein Ruf ein für allemal dahin. Bei einem Fehlwurf ins Publikum hätte gar mit ernsten Folgen für die Getroffenen gerechnet werden müssen. Das Spiel mit dem Stock erforderte daher sehr viel Übung, Kraft und Wagemut. Es gab aber nebst den Würfen auch andere Einlagen die Applaus brachten.


spalenberg

Schon im 19.Jh hiess es, dass ein Basler Kleinkind instinktiv den Stock eines Tambourmajors am richtigen Ende anfasse - die Stadt sei ein guter Nährboden für Tambourmajore. Diese bunte Gruppe zeigt, dass auch heute noch die Kleinsten wissen, wie der "Tugh" zu halten ist.

Sogenannte Stern- und Kranzfiguren basierten darauf dass der Tambourmajor den Stock in seiner Hand im Kreis wirbeln liess, so dass ein silbern glitzerndes Rad zu entstehen schien. Eindrücklich sah es aus, wenn der wirbelnde Stock hin und her bewegt wurde. Ein Meister verstand es, das Wirbeln ohne Unterbruch auszuführen.

Dies liess sich noch steigern indem man das sausende "Rad" im Marsch elegant von einer Hand in die andere nahm. Wer das Können hatte dies zu wagen, trieb es auf die Spitze indem er anhaltend den Stock einmal in der einen und einmal in der anderen Hand wirbeln liess, um ihn dazwischen immer wieder plötzlich in die Höhe zu werfen.

Schaffte es ein Tambourmajor auf der Länge einer Strasse den Stock unentwegt derart in Bewegung zu halten, war ihm ein Platz im Olymp der Basler Fasnacht jener Tage sicher. Dem Tambourmajor von heute sind solche Einlagen fremd. Er besticht nunmehr durch sein Kostüm und seine Larve, die das Sujet der Clique kunstvoll ergänzen.




Querverweise zur Fasnachtsgeschichte:

>> Die Basler Fasnacht
>> Ursprünge der Basler Fasnacht
>> Quartierumzüge zur Fasnacht
>> Der Morgenstreich
>> Der Weg zur Strassenfasnacht
>> Die alten Cliquen 1884 bis 1938
>> Die Entstehung der Guggemusik 1906 bis 1965



Literatur:

Paul Koelner, Die Basler Fastnacht, 1913, Universtitätsbuchdruckerei Friedrich Reinhardt, Seite 27

Eugen A.Meier, die Basler Fasnacht, 2.Auflage 1986, Herausgegeben vom Fasnachts-Comité, ISBN 3-9060-7200-1, Seiten 66 bis 67

Georg Duthaler, Trommeln und Pfeifen in Basel, 1985, Christoph Merian Verlag, ISBN 8-856-16-023-10, Seiten 72 bis 73

Eduard Strübin/Paul Suter, Müschterli us em Baselbiet, 2.Auflage 1984, ISBN 3-85673-205, Herausgegeben von der Kantonalen Schul- und Büromaterialverwaltung BL, Seite 175

Div.Autoren, Personenlexikon des Kantons Basel-Landschaft, 1997, ISBN 3-85673-251-9, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Seite 64

Roland Petitmermet, Schweizer Uniformen 1700-1850, 1976, ISBN 3-85731-001-4, Herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons Bern, Seite 86 und Tafel 87

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