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Hieronymus Linder
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Der 11.September wurde zu einem der blutigsten Tage der Schweizer Geschichte. Tausende verloren ihr Leben an diesem Datum im Jahre 1709. Zugleich offenbarte sich, welch schrecklichen Preis die Gier in den Kantonen der Eidgenossenschaft forderte. Zu breitwillig liess man gegen bare Münze junge Schweizer in Kriegsdienste für fremde Herren treten.

So kam es, dass im Spanischen Erbfolgekrieg 1701-1714 auf beiden Seiten Schweizer Regimenter kämpften. Am 11.September 1709 trafen einige von ihnen bei Malplaquet in Flandern aufeinander. Unter dem Earl of Marlborough und Prinz Eugen von Savoyen zogen mehrere Regimenter von Schweizern gegen die französischen Truppen von Marschall Claude Louis Hector, Duc de Villars.

Unter dem Kommando des Prinzen von Oranien rückten um acht Uhr morgens mit den Niederländern sechs Schweizer Regimenter gegen die französischen Stellungen vor. In einem von Ihnen diente der Basler Hieronymus Linder als Offizier. 1682 geboren hatte er früh seine Eltern verloren. Man schickte ihn nach Rotterdam, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte.


hieronymus linder

Generalmajor Hieronymus Linder aus Basel im Dienste der Niederlande, nach einem Portrait des Malers Johann Niklaus Grooth.

Kadett in niederländischen Diensten

Hieronymus wählte aber einen anderen Beruf und trat mit sechzehn Jahren in die Armee der Generalstaaten der Niederlande ein, wo er als Kadett im Regiment von Prinz Albert, dem Marktgrafen von Brandenburg, das Handwerk des Soldaten erlernte. Ohne fremde Protektion machte er durch Tüchtigkeit seinen Weg, wie sein Epitaph verkündet.

Nacheinander trug er den Waffenrock eines Soldaten, eines Korporals und eines Fouriers. Dann diente er bei den Grenadieren um schliesslich den ehrenvollen Rang eines Fähnrichs zu erlangen. In den Spanischen Erbfolgekrieg zog er mit dem 1694 gegründeten Schweizer Regiment von Oberst Jean de Sacconay aus dem Waadtland.

Gegründet im Dienste Savoyens, wurde das Regiment 1697 von den Niederlanden übernommen. Sacconay sollte in der Heimat zum Generalmajor der Truppen Berns aufsteigen und in der zweiten Schlacht von Villmergen 1712 zum Sieg über die Innerschweizer beitragen. Sein Regiment wurde ab 1706 von Oberst Antoine de Mestral geführt.

In diesem Regiment diente Hieronymus Linder, der bereits vor Ath in Flandern verwundet wurde. Eine Musketenkugel traf ihn im Gesicht, was zeitlebens eine Narbe auf seiner rechten Wange bezeugte. Die Kugel kam übrigens später in die Bibliothek der Universität Basel als historisches Souvenir.


Linders Regiment greift an

Als die Truppen von Prinz Eugen bei Malplaquet durch den gelichteten Morgennebel gegen die französischen Stellungen vorrückten, zog mit den Schweizer Regimentern auch Hieronymus Linder ins Gefecht. Die Schweizer gehörten zum Linken Flügel der Armee der Verbündeten, der von Prinz Wilhelm von Oranien befehligt wurde.

Die Schweizer zogen hinter den Niederländern in drei Kolonnen geteilt durch das feindliche Feuer gegen den Wald von Lanière. Gemessenen Schritts gingen die sechs Regimenter vor - Chambrier, Schmitt, Hirzel, May, Stürler und Mestral, wo Hieronymus Linder eingeteilt war. Sie überwanden bald die beiden ersten französischen Wälle.

Als die Niederländer an der Spitze weichen mussten, kam der Vorstoss ins Stocken. Der Prinz von Oranien ergriff das Banner des Schweizer Regiments von Gabriel May und schritt ihm voran den feindlichen Linien entgegen. Unter dem dumpfen Wirbel der Trommeln stiessen die Schweizer von neuem ins feindliche Musketenfeuer vor.

Die französischen Regimenter Navarra und Piedmont wurden blutig in die Flucht geschlagen. Der dritte Verteidigungswall fiel, doch dann gab es kein Weiterkommen. Durch den Pulverdunst konnten die Schweizer des Oraniers rote Uniformröcke zu erkennen - sie standen vor den Schweizern des Königs von Frankreich.


haus und epitaph

Links St.Alban-Vorstadt 19 wo Linders Oranienhaus, auch zur Fortuna, stand - heute ein Neubau von 1811. Rechts Epitaph von Hieronymus Linder im Kreuzgang des Basler Münsters, welches in Latein seine Laufbahn würdigt.

Schweizer gegen Schweizer

Die Brigade von Johann Rudolf May im Solde Frankreichs stoppte den Vormarsch. Berner und Waadtländer, teils aus den selben Dörfern stammend, standen unter verschiedenen Fahnen im wilden Nahkampf gegneinander. Die Verluste waren fürchterlich. Hieronymus Linder wurde zweimal verwundet und kehrte blutüberstömt aus dem Gefecht zurück.

Nach blutigem Kampf mussten sich die Schweizer des Prinzen von Oranien zurückziehen, wobei aber die Schlacht als ganzes an anderer Stelle gewonnen und sich Frankreich geschlagen geben musste. Das Regiment Mestral von Hieronymus Linder verlor 36 Offiziere und 585 Soldaten. Rund 6'000 Schweizer blieben auf dem Schlachtfeld liegen.

Über 30'000 Mann betrugen die Verluste auf beiden Seiten, wobei zwei Drittel auf die siegreichen Verbündeten fielen. Am Abend paradierten vor Prinz Eugen und Herzog Marlborough auch die Schweizer. Linders Regiment zog stark dezimiert vor den Feldherren vorbei. Seine Fahne wurde vom fünfzehnjährigen François-Noé de Crousaz getragen, der als einziger Offizier des Regiments unverwundet blieb.


Heimkehr nach Basel

Für Hieronymus Linder ging der Krieg weiter. Am 24.Juli 1712 kämpfte er als Offizier bei der Verteidigung von Denain. Die eingekesselte Besatzung musste sich den Franzosen ergeben. 5'000 Mann gingen in Gefangenschaft. Unter ihnen befand sich auch Hieronymus Linder, dem bald eine besondere Aufgabe zukommen sollte.

Ihm wurde die Aufsicht über Kriegsgefangenen der Verbündeten in Frankreich übertragen, was ihn sogar an den Hof von Versailles brachte, wo er der königlichen Familie vorgestellt wurde. Mit dem Frieden von Utrecht wurde er entlassen und kehrte nach Basel zurück. Hier heiratete er 1718 Judith Beck, die er aber schon 1721 zu Grabe tragen musste.

Man bot dem verdienten Veteranen das Amt eines Gouverneurs in Niederländisch-Guyana an, was ihn aber nicht aus Basel weglocken konnte. Dennoch trat er bald wieder in die Dienste der Armee der Niederlande ein. 1741 führte er eine Kompanie im Regiment Hirzel und er hatte zeitweilig eine eigene Basler Kompanie von 200 Mann unter sich.


kreuzgang

Der Münsterkreuzgang wo Hieronymus Linder mit allen Ehren und in Begleitung des Offizierskorps der Basler Landmiliz zu Grabe getragen wurde. Mit einem roten Rahmen ist sein Epitaph hervorgehoben.

Grosszügiges Testament

Offenbar weilte Linder öfter in Basel, denn 1741 liess er hier ein Testament aufsetzen. Er war zu Ansicht gelangt, dass er ohne Erben sei und als ein Mann des Krieges die Vergänglichkeit des Lebens erkannt habe. Er bedachte in seinem Testament die Armen der einzelnen Kirchgemeinden, das Waisenhaus und die Armenherbergen.

Für die Schüler der Münsterschule auf Burg (Münsterhügel) stiftete er 2000 Pfund mit deren Zinsen herausragende Schüler mit Büchern belohnt wurden. Der Zunft zu Hausgenossen spendete er 2000 weitere Pfund, wofür zu Ehren des niederländischen Erbstatthalters das Oranienmähli bis zum heutigen Tag im Zunfthaus abgehalten wird.

Ein letztes Legat ging an Verwandte, Bekannte und Dienstkameraden. Anno 1743 erwarb Hieronymus Linder sich als Alterssitz in Basel jene Liegenschaft in der St.Alban-Vorstadt, die heute die Hausnummer 19 trägt. Bekannt als "zur Fortuna", nannte Linder das Haus nunmehr "Oranienhaus". Stets wenn er in Basel weilte, war Linder dort anzutreffen.


Als Offizier in Schottland

Die traditionelle Bindung zwischen England und den Niederlanden führte Linder auch als Kommandanten in die Dienste von König George II. Die aufständischen Schotten unter Prinz Charles Edward aus dem Hause Stuart erhoben sich gegen England. In der entscheidenden Schlacht von Culloden siegten am 16. April 1746 die englischen Musketen über die Breitschwerter der Schotten.

Bei Culloden soll sich Hieronymus Linder durch besondere Kühnheit hervorgetan haben, wofür man ihn in den Rang eines Oberstleutnants erhob. Anno 1752 stieg er auf zum Oberst und 1758 wurde er sogar Generalmajor - der höchsten Rang den bis dahin ein Basler erlangte. Zwei Jahre später nahm er, auf die achzig zugehend, seinen Abschied von Holland und vom Militär.


Zünftig zu Hausgenossen

Die Bindung von Hieronymus Linder zur Zunft zu Hausgenossen dürfte auf seinen früh verblichenen Vater zurückgehen, der Goldschmied war. Bekanntlich war im 16.Jh schon der Söldner, Zeichner und Goldschmied Urs Graf zu Hausgenossen zünftig. So öffneten sich auch dem Krieger Hieronymus die Türen zur Zunftstube.

Seine Verbundeheit zur Zunft brachte er bereits im erwähnten Testament zum Ausdruck. 1747 nahm Linder als gewählter Sechser der Zunft zu Hausgenossen in ihrem Namen Einsitz im Rat der Stadt. Nachdem er sich 1760 in den Ruhestand begeben hatte, lebte er dauerhaft in seinem Oranienhaus in der St.Alban-Vorstadt.

Die Basler nannten den grauen Veteranen ehrfürchtig "General". Er sei bis in seine letzten Tage ein "allzeit aufrechtgehender und adretter militärischer Staatsmann gewesen". Ein langer Ruhestand in Basel war ihm jedoch nicht beschieden. Am 29.Dezember 1763 tat er nach dreitägiger Krankheit seinen letzten Atemzug.


Bestattet im Münsterkreuzgang

Man legte Linder auf den Sarg seinen Stock und seinen Degen. Dazu den Halskragen als Zeichen seines militärischen Ranges und die Schärpe der Oranier für seine Dienste in den Niederlanden. Alle siebzig Offiziere der Basler Landmiliz folgten ihm ans Grab, gekleidet in ihre Uniformen und roten Mänteln. Bis heute kündet Linders Epitaph im Kreuzgang von einer grossen Karriere.




Querverweise:

>> Die Zunft zu Hausgenossen



Literatur:

Peter Buxtorf, "Generalmajor Hieronymus Linder und das Legatum Linderianum" im Basler Jahrbuch 1958, 1957 Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Seiten 62 bis 81

Peter Buxtorf, Die Lateinschen Grabinschriften in der Stadt Basel, Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft Band 6, 1940, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Seite 131

Gustav Adolf Wanner, Häuser Menschen Schicksale, Band 1, 1985, Buchverlag Basler Zeitung, ISBN 3-85815-126-2, Seite 34

Gustav Adolf Wanner, Zunftkraft und Zunftstolz, 1976, Birkhäuser Verlag, ISBN 3-7643-0856-7, Seite 66

Paul Koelner, Basler Zunftherrlichkeit, 1942, Birkhäuser Verlag, Seiten 197 bis 199

Paul de Vallière, Treue und Ehre - Geschichte der Schweizer in fremden Diensten, 1912, Verlag F.Zahn, Seiten 358 bis 365

Paul de Vallière in "Das Schweizer Heer heute", 1929, Verlag der Société anonyme d'éditions artstiques, Seiten 89 und 96

Richard Feller, "Bündnisse und Söldnerdienste" in Schweizer Kriegsgeschichte Band 6, 1916, Verlag des Oberkriegskommissariats, Seiten 37 bis 39

Eugen A.Meier, Basler Almanach Band 2, 1989, Buchverlag Basler Zeitung, ISBN 3-85815-198-X, Seiten 283 bis 284

Michael Barthorp, Marlborough's Army 1702-11, Serie Men-at-arms Band 97, Neuauflage 1988, Osprey Publishing, ISBN 0-85045-346-1

Ken und Denise Guest, British Battles, 1997, Harper Collins Publishers, ISBN 0-00-470968-3, Seiten 196 bis 202

engel

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