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Der Schwarze Tod in Basel
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Die Tartaren unter Khan Djam Bek belagerten bis im Frühjahr 1347 die genuesische Handelsniederlassung Caffa auf der Krim am Schwarzen Meer. Dann kam die Pest, die vermutlich um 1340 am Balchaschsee in Zentralasien ausbrach. Sie wütete im Heer des Kahns, so dass dieser die Belagerung aufgeben musste. Vor seinem Abzug liess er die Leichen von Pestopfern mit Katapulten in die Stadt schleudern, so kam die Pest nach Caffa.

Entlang den Handelsrouten breitete sich die tödliche Krankheit nach Westen aus, bis sie schliesslich mit verseuchten Schiffen um 1348 über die Hafenstädte Venedig, Genua und Marseille den Süden Europas erreichte. Es war die erste Pestwelle die bis 1352 ihren vernichtenden Weg bis nach Moskau bahnte und dabei einen Drittel der europäischen Bevölkerung ausgelöscht haben soll.


Der Schwarze Tod

Es bleibt ungewiss wieviele wirklich starben. In den folgenden Jahrhunderten kehrte sie immer wieder zurück, doch das erste Auftreten der Beulenpest sollte in die Geschichte eingehen als "Der Schwarze Tod". Zwei bis sechs Tage nach der Infizierung wurden die Betroffenen von Fieber bis zu 40 Grad Celsius befallen. Die Lymphdrüsen schwollen auf Eiergrösse an wo in der Nähe pestverseuchte Flöhe Stiche hinterlassen hatten.

Das konnte in der Leiste, in den Achselhöhlen, am Hals oder auch am Hinterkopf sein. Dazu kam oft Schüttelfrost und stets starke Gelenk- und Kopfschmerzen. Dunkle Flecken überzogen den Körper, binnen fünf Tagen nach den ersten Anzeichen der starben die meisten Opfer. Während der kälteren Jahreszeit gesellte sich zur Beulenpest die noch tückischere Lungenpest.

Sie verbreitete sich durch Tröpfcheninfektion über die Atemwege - ein Husten, sogar ein Ansprechen, genügte um jemanden anzustecken. Die Sterberate der Lungenpest lag bei nahezu 100%. die Befallenen starben innert drei Tagen. Ihre verheerende Ausbreitung wurde durch grosse Ansammlungen von Menschen begünstigt, etwa dann wenn Gläubige zu Gottesdiensten zusammenströmten um himmlischen Schutz vor eben dieser Seuche zu erflehen.


Hysterie und Judenmord

Bald eilten der sich ausbreitenden Pest Angst und Schrecken voraus. In Basel führte dies zu einem grauenhaften Exzess, noch bevor die Seuche überhaupt in der Stadt war. Das Gerücht machte die Runde, dass die Juden mit Giftsäckchen überseeischer Herkunft umgingen um die Christen auszulöschen. Die üblichen Verdächtigen sollen die Brunnen vergiftet und Christen mit obskuren Ritualen zu willenlosen Mittätern gemacht haben.

Dies, notabene, noch bevor die ersten Pesttoten zu beklagen waren. Am lautesten riefen jene nach Blut die bei Juden verschuldet waren oder die in ihnen eine lästige Konkurrenz sahen. Zum einen stand ein Grossteil des Basler Rittertums bei jüdischen Kreditgebern heftig in der Kreide, zum anderen waren die Achtburger als wichtiger Teil der herrschenden Klasse in Basel ins Kreditwesen vorgestossen und wurden zu Rivalen der Juden.

Diese Kreise verstanden es Einfluss auf den Rat von Basel zu nehmen, um sich mit seinem Segen quasi legitim der Juden zu entledigen. Nachträgliche Darstellungen der Vorgänge behaupten dass der Rat das Progrom zu verhindern suchte aber schliesslich vom Volk dazu genötigt wurde. Aktuelle Erkenntnisse deuten aber darauf hin dass die genannten Vertreter der oberen Klassen das Volk zur Judenverfolgung aufstachelten.

Die betreffenden Herren waren im Rat vertreten und wirkten gewiss über ihn im Sinne ihrer Absichten. Basel handelte mit der Verfolgung in Übereinstimmung, ja wahrscheinlich in Absprache mit anderen Städten. Der Bau eines Holzhauses auf einer Insel am Rheinufer dürfte wohl kaum eine private Handlung im Affekt gewesen sein. Es liegt der Geruch sorgfältiger Vorbereitung in der Luft. Am 16. Januar wurde der Massenmord vollzogen.

Früher schätzte man die gesamte damalige jüdische Gemeinde der Stadt auf etwa 200 bis 300 Personen. Der Historiker Werner Meyer geht heute von maximal 150 Personen aus. Alle Juden die nicht geflohen waren wurden an jenem Januartag zusammengetrieben und in das Holzhaus auf der Sandbank im Rhein gesperrt. Das Haus wurde angezündet - wer nicht erstickte der verbrannte. Die Pest hatte erste Opfer gefordert noch bevor sie jemanden krank machte.


Wieviele Pestopfer in Basel?

Alle Raserei vermochte die nahende Katastrophe nicht abzuwenden, im Mai 1349 kam die Pest nach Basel. Angeblich seien 14'000 Menschen gestorben. Dies ist unwahrscheinlich, entspräche es doch mehr als der damaligen Einwohnerzahl der Stadt. Eindrücklich ist die Angabe, dass vom Rheintor an der Schifflände bis hinauf zum oberen Ende der Freien Strasse nur drei Ehepaare vom Schwarzen Tod verschont blieben. Diese Information ist jedoch trügerisch.

Wahrscheinlich flohen viele Leute aus der Stadt, wie es die Protagonisten in Boccacios "Decamerone" taten. Es entstand wohl eine beeindruckende Leere in der Stadt, die auf gewaltige Todesraten schliessen liess. Dieser Vermutung steht die Tatsache entgegen dass nichts über provisorische Friedhöfe und Massengräber überliefert ist. Wo sollten sonst die mutmasslichen mehreren tausend Toten bestattet worden sein?

In den Urkunden vor und nach der Pest ist kein schlagartiges Verschwinden vieler Namen zu erkennen, wie es zwingend geschehen hätte müssen wenn die halbe Bevölkerung gestorben wäre. Ein Verlust von mehreren Tausend Bewohnern hätte Basel über lange Zeit hinweg erkennbar geprägt, doch nichts dergleichen ist zu erkennen. Man kann sich aus diesen Gründen der Vermutung anschliessen, dass die Pest rund 10% der Bevölkerung hinraffte, etwa um die 700 Leute.


Das Ende der Welt

Angst vor Ansteckung verdrängte Mitgefühl und Liebe. Boccaccios weltliterarisches Vermächnis Decamerone beschreibt wie Väter und Mütter ihre kranken Kinder dem grausamen Schicksal überliessen, unversorgt und einsam, als wären sie Fremde gewesen. Mehr dazu weiter unten. Von grosser Bedeutung für den Menschen im Mittelalter war der geistliche Beistand beim Sterben und bei der Bestattung. Doch nun gingen Zahllose alleine in den Tod.

Papst Klemens VI. erteilte allen Pestopfern eine Generalabsolution, um wenigstens die Furcht vor dem Schwarzen Tod ohne Hoffnung auf Erlösung von den Menschen zu nehmen. Die Menschen waren davon überzeugt, dass das Ende der Welt gekommen sei. Der berühmte Schriftsteller Giovanni Boccacio (1313-1375) war in Italien Zeuge dieser Pest und verewigte sie in der Einleitung zu seinem Werk "Decamerone", welches 1348 bis 1353 entstand. Hier seine lebendige Schilderung:

Schweigen sollten wir darüber, dass ein Bürger den anderen mied und dass sich keiner um den Nachbarn kümmerte, aber diese Heimsuchung hatte in den Herzen von Männern und Frauen solches Grauen erregt, dass ein Bruder den anderen verliess oder der Onkel den Neffen und die Schwester den Bruder und vielfach die Frau ihren Mann; und, was noch schwerer wiegt und beinahe nicht zu glauben ist, sogar Väter und Mütter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen, als wären sie Fremde geworden.

Nicht wenige waren es, die am Tag oder in der Nacht auf den Strassen starben, und bei vielen, die in ihren Häusern gestorben waren, offenbarte den Nachbarn erst der Geruch ihrer verwesenden Körper, dass sie tot waren; und sie zogen die Leichen alleine, oder wenn Träger verfügbar waren, mit deren Hilfe aus den Häusern und legten sie vor die Türen, so dass dort jeder Vorbeigehende ganzen Reihen von ihnen begegnen konnte. Üblicherweise wurden drei oder vier von ihnen zusammengelegt, und es geschah immer wieder, dass Frau und Mann, zwei oder drei Brüder, oder Vater und Sohn beisammenlagen...

Da für die vielen Leichen, die jeden Tag, ja fast jede Stunde zu allen Kirchen gebracht wurden, die geweihte Erde der Kirchhöfe nicht genügte, machte man grosse Gruben und legte die neu hinzugekommenen zu Hunderten hinein; dort wurden sie, wie Kaufmannswaren in Schiffen, in Schichten übereinander gelegt und mit etwas Erde bedeckt, bis die Grube zum Rand gefüllt war...




Querverweise zu Basel im 14.Jh:

>> Beitrag zum grossen Erdbeben 1356
>> Beitrag zum 1348 verwüsteten jüdischen Friedhof



Literatur:

Werner Meyer, Da verfiele Basel überall, 184. Neujahrsblatt der GGG 2006, Schwabe Verlag Basel, ISBN 3-7965-2196-7/ISSN 1423-4017, Seiten 49 bis 52

Werner Meyer in "Acht Jahrhunderte Juden in Basel", Herausgegeben von Heiko Haumann, 2005, Schwabe Verlag Basel, ISBN 3-7965-2131-2, Seiten 26 bis 28

Jacques Ruffié/Jean-Charles Sourina, Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit, 2.Auflage 1993, DTV, ISBN 3-423-30066-3, Seiten 17 bis 42

Manfred Vasold, Pest, Not und schwere Plagen - Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute, 1999, Bechtermüntz Verlag, ISBN 3-8289-0334-7, Seiten 38 bis 93

Barbara Tuchmann, Der ferne Spiegel, 12.Auflage 1994, DTV, ISBN 3-423-30081-7, Seiten 97 bis 125

Emil Major, Bauten und Bilder aus Basels Kulturgeschichte, 1986, Verlag Peter Heman Basel, ISBN 3-85722-010-5, Seite 53

René Teuteberg, Basler Geschichte, 2.Auflage 1988, Christoph Merian Verlag, ISBN 3-856-16-034-5, Seiten 146 bis 148

Albrecht Burckhardt, Demographie und Epidemiologie der Stadt Basel, 1908, Friedrich Reinhardt/Universitätsdruckerei, Seiten 28 und 33

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