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Glosse Nr.44 / 31. Oktober 2012

Todesängste

Da feiert der kleine Hypochonder in mir Orgien. Eben habe ich vernommen dass Sitzen, gemäss einer neuen Studie, einem das Leben gewaltig verkürzen könne. Jede Stunde die eine in den Bürostuhl gepresste Gesässbacke verbringe treibe den zugehörigen Körper unweigerlich 49% rascher in die kühle Grube. Auch bringe einem jede Stunde die man vor der Glotze verbringe 21,8 Minuten früher ins Grab.

Täglich hocke ich am Monitor um an altbasel.ch zu arbeiten. Auch Zeichenen und Malen tue ich im selben Stuhl. So viel wie ich sitze muss ich spätestens am Samstag gegen 16.30 Uhr tot sein. Dabei hatte ich noch so viel vor. Direkt über meiner Tastatur hängt ein Damoklesschwert, danach dürstend mir den Lebensfaden zu kappen. Vielleicht kann ich mich retten indem ich nur noch im Stehen arbeite?

Dann kam mir in den Sinn dass gar ein wahrhaftiger Klingenwald von Damoklesschwertern über mir baumelte. Ich kann meinem Schicksal nicht entfleuchen indem ich weniger sitze. Alleine mein Übergewicht hängt wie ein fettiger Mühlstein an meiner Lebenserwartung und zieht sie unerbittlich runter. Schon daran zu denken bereitete mir Herzrasen, was wiederum fleissig Nägel zu meinem Sarge schmiedet.

Es rettet mich auch nicht dass ich kein Raucher bin, denn die strenge Basler Beizenordnung zum Nichtraucherschutz hat mir klar vor Augen geführt dass Passivrauchen auch an meinem Lebensfaden sägen kann. Immerhin raucht meine sündige Gattin auf den Balkon und ich habe dabei das Fenster offen, weshalb die todbringenden Schwaden mich tückisch und leise an der Gardine vorbei vor dem Monitor erhaschen könnten.

Sollten es denn nicht die mörderischen Nikotinimmissionen meiner Gattin sein, so wird der Feinstaub in unserer verkehrsreichen Stadt mein Ende besiegelt. Und wenn der Kreuzzug für das Velo hier noch so eifrig voranschreitet, für meine verstaubte Lunge wird die grüne Stadt zu spät kommen. Den Gnadenhammer am Esstisch bekam ich vor einigen Wochen, als mir vegane Studiosi der Uni Basel den Fleischgenuss vergällten.

Sie kämpften heroisch wider eine gewaltige Übermacht von Carnivores für eine fleischlose Mensa, und riefen laut hinaus wie ungesund (und verwerflich) Fleischgenuss sei. Ich, der ich fleischlichen Genüssen so geneigt bin, bekam vor Augen geführt wie brutal ich meine Gesundheit ruiniere (und daher selbst bald zum fleischreichen Bankett für die Würmer werde). Freund Hein lauert mit Sense und Eieruhr an jeder Ecke.

Nicht zu vergessen die stets beschworene Gefahr der Basler Strassenkriminalität. Jenseits der sicheren Haustürschwelle harren meiner sinistre Gestalten, deren Bitte um Feuer für die Zigarette nur als Ouvertüre dazu dient um mich niederzumachen und auszurauben. Sollte ich dies überleben, komme ich in die Notaufnahme wo ich mir ganz gewiss eine Krankenhausinfektion einfange. Es gibt kein Entrinnen - ich bin ein wandelnder Leichnam.

Eigentlich müsste einer mit meinem grüblerischen Gemüt nun in herbstliche Depressionen verfallen, und sich aus lauter Angst vor dem Tod denselbigen verzweiflungsvoll suchen. Aber darauf können Sie lange warten. Meine Erfahrung sagt mir dass nicht jedes marktschreierisch angekündigte Unheil eintrifft. Ich kann also auch im Sitzen auf das Ende warten. Das ist angenehmer als ihm stehend entgegenzusehen.

engel

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