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Die Sandgrube
© by altbasel.ch

Riehenstrasse 154

Tram 1, 2, 6 und Bus 33 - Gewerbeschule / Bus 34, 36 - Wettsteinallee

Der Siedenbandfabrikant und spätere Oberstzunftmeister Achilles Leissler liess sich durch Ingenieur Johann Jakob Fechter und Steinmetz Daniel Büchel einen Landsitz vor den Toren von Kleinbasel erbauen. Leissler hatte dort 1744 anderthalb Jucharten Baugrund gekauft. Das Gelände war seit 1317 als Sandgrube bei der Claramatte bekannt.

Der Flurname Sandgrube ging schliesslich auf das Landgut über, der Bau des Anwesens dürfte in die Zeit zwischen 1745 und 1751 fallen. Der herausragende Barockbau Basels gliedert sich in mehrere Einzelbauten. Vor dem Hauptbau erstreckt sich, zur heutigen Riehenstrasse hin, ein ummauerter Hof mit zwei Pavillons und Anbauten an der Strasse.

sandgrube riehenstrasse

Die Sandgrube von der Riehenstrasse aus. Um den Hof gegliedert: A = Pavillon mit Stall und Anbau / B = Pavillon mit Pförtnerhaus und Anbau / C = südwestliche Wagenremise / D = Hauptbau (Wohnhaus)
Achilles Leissler der jüngere

Achilles Junior wurde 1723 geboren. Er war der ersehnte Sohn von Achilles Liessler und dessen Gattin Gertrud Ortmann. Das Knäblein hatte bereits eine Reihe von Schwestern, doch seine zwei älteren Brüder verstarben früh. Achilles Senior verstarb als sein Sohn vierzehn Jahre alt war. Auf dessen Knabenschultern ruhte nun das Werk des Vaters.

Als Achilles volljährig wurde trat er in des Vaters Firma ein, sein sozialer Status ebnete ihm den Weg in hohe Ämter - eine Laufbahn die ihren Höhepunkt mit der Wahl zum Oberstzunftmeister 1767 erreichte. Nebst dieser zweithöchsten Postition nach dem Bürgermeister, bekleidete Achilles auch das Amt eines Präsidenten des Bau- und Stallamtes.

Achilles heiratete 1743 mit Maria Hoffmann die zwanzigjährige Tochter eines betuchten Kaufmannes. Wenig später kaufte er in der Sandgrube den Baugrund für seinen künftigen Landsitz. Dieses Anwesen sollte mehr als ein schmuckes Domizil sein, hier sollte ein besonderes Statussymbol errichtet werden, dass des Bauherrn Ansehen mehrte.


Elemente des Hofes

Nichts wurde bei der Gestaltung des Anwesens dem Zufall überlassen. Ein wichtiges Element der Anlage ist hier der angesprochene Hof vor dem Hauptbau. An der heutigen Riehenstrasse erheben sich zu beiden Seiten des schmiedeeisernen Portals zwei Pavillons, die in ihrer Form gleichsam als kleinere Kopien des Hauptgebäude hinter ihnen wirken.

Es handelt sich dabei um Stall und Pförtnerhaus, deren hofseitigen Schmalseiten mit Ihrer Flucht exakt auf die Flucht der Schmalseiten des Hauptbaus auf den anderen Seite des Hofes ausgerichtet sind. Links und rechts schliessen den Pavillons niedrigere Anbauten an, die von der Riehenstrasse her gesehen die Eckpunkte dieser Hoffront bilden.

Die Querachsen der Anbauten sind ihrerseits auf jene der beiden Wagenremisen ausgerichtet, die jenseits der seitlichen Zufahrten die anderen zwei Eckpunkte des Hofes bilden. Der Hof selber wird vom Hauptbau dominiert, der seit der Renovation 1957 von späteren Anbauten befreit ist, und somit wieder seine barocke Ausstrahlung hat.


Der Hauptbau - das Wohnhaus

Der Hauptbau hat zwei Geschosse und seine Fassade weist sieben Achsen auf. Die Mittelpartie zum Hof hin ragt in einem leichten Bogen aus der Fassade hervor und zieht sich bis zum Dach hoch. Über dem Türscheitel stützt eine reich verzierte wuchtige Konsole (wohl von der Hand Daniel Büchels) den Balkon im Obergeschoss.

Die Mittelpartie krönt ein Giebel auf der Traufseite des Daches. Im Dreieck des Giebels prangten einst die Wappen der Familien Leissler und Hoffmann. Dem Giebel wurde die leichte Schwingung der Mittelpartie aufgezwungen - er sieht als verbogenes Dreieck irgendwie aus, als wäre er in heisser Sommersonne aufgeweicht worden.

Das Haus betritt man hier über eine rund ausgeschwungenen Freitreppe und die Eingangstür. Letztere ist in der Mittelpartie von zwei Fenstern flankiert, die Licht für die Eingangshallen spenden. Schreitet man nach dem Eintreten geradeaus zur rückseitigen Fassade, so trifft man dort auf ein zweites Portal mit Treppe zum Garten.

details

Links die hofseitige Mittelpartie der Fassade des Hauptbaus mit Treppe, Eingang, Balkon und geschwungenem Giebel. Rechts der Seiteneingang von der Allgemeinen Gewerbeschule her. Hier gelangt man vorbei an Pförtnerhaus und Wagenremise in den Hof.
Die Gartenanlage

Die Gartenanlage hinter dem Hauptbau weist französische und englische Einflüsse der Epoche auf. Eine Orangerie bildet heute in der Anlage einen ergänzenden Akzent zum Hauptbau auf der anderen Seite. Die heizbare Orangerie diente zur Überwinterung von Südpflanzen wie etwa Palmen. Im Sommer nutze man sie zu festlichen Anlässen.

In der Länge übertraf die Orangerie das Haupthaus um fast ein Drittel. Sie stand nicht immer so nahe beim Hauptbau wie heute, einst erhob sie sich an der südwestlichen Ecke des damals grösseren Gartens. Zur Orangerie mit ihrem Treppenturm gesellt sich als weiteres Bauwerk im englischen Teil des Gartens ein kleiner Pavillon mit sechs Säulen.

Die Sandgrube offenbarte aber nicht nur den Stand ihres Bauherrn, sie war auch dazu angetan dessen Geschwister zu ärgern. Die älteste Schwester von Achilles, Magaretha Weiss-Leissler, trieb wie man sagt ihren Gatten dazu, den Württembergerhof abzureissen und voller Glanz neu zu erbauen, etwa zu jener Zeit da die Sandgrube entstand.


Konkurrenz unter Geschwistern

Damit nicht genug mit geschwisterlicher Konkurrenz. Auch der Umbau des Bruckgutes Münchenstein, dem Landsitz von Margaretha und ihrem Gatten, ging nicht ohne das Einfliessen moderner Inspiration über die Bühne. Beinahe glaubt man Anleihen bei der brüderlichen Sandgrube zu erkennen. Und da war noch die Schwester Valeria Leissler.

Valeria hatte den Oberstzunftmeister Johannes Faesch geheiratet, der sich nahe der Sandgrube an der Riehenstrasse ein kleines Landgut baute. Schlimm in die Haare geriet Achilles sich jedoch mit Schwester Elisabeth, die den Textilfabrikanten Emanuel Ryhiner geehelicht hatte. Sie sollten sich als zerstrittene Nachbarn vor Gericht treffen.

Einige Jahre vor dem Bau der Sandgrube liess Emanuel Ryhiner neben seiner Indienne-Fabrik, wohl auf Einflüsterungen seiner Gattin, einen Landsitz bauen. Die stinkenden Ausdünstungen der Fabrik wabberten dann zuweilen in die Salons der so geschmackvollen Sandgrube, die wohlgemerkt erst nach der Fabrik in deren Nachbarschaft entstand.

Die Nase des Achilles Leissler war darob derart beleidigt, dass er gegen Schwager und Schwester vor Gericht antrat. Es blieb der Eindruck von Geschwistern, die sich in Bauwerken zu übertrumpfen suchten - der prachtverliebte jüngste Bruder als Erbe des väterlichen Lebenswerks, und die herrischen Schwestern die ihr eigenes Ego zu zeigen wussten.


Von Leissler zu Merian

Achilles Leissler besass nebst dem Landsitz Sandgrube diverse weitere Liegenschaften, so etwa den Ernauer Hof am St.Albangraben, seit 1684 Familienbesitz. Zu den eigenen Erwerbungen gehörten Liegenschaften am Klosterberg, am Sternengässlein und am Münsterplatz. Allerdings spürte der erbenlose Achilles das nahen seiner letzten Tage.

Anno 1777 löste er seine Firma auf, bar jeder Hoffnung auf einen ihm nachfolgenden Sohn. Er veräusserte Teile seines Besitzes, so 1781 den Ernauerhof, und lebte er nur noch auf seinem Landsitz, der Sandgrube. Als er 1784 diese Welt verliess, blieb als alleinige Erbin seine Witwe zurück. Standesgemäss wurde er im Kreuzgang des Münsters beerdigt.

Witwe Maria Leissler überlebte ihren Gatten um elf Jahre. Nach ihrem Tod 1795 fiel die Sandgrube an den Gerichtsherrn Johann Jakob Burckhardt-Keller. 1804 verkaufte dieser das Landgut an den Kaufmann Johann Jakob Merian, einem der reichsten Baslern jener Tage und der ältere Bruder des später so bekannten Christoph Merian.

das wohnhaus

Der Hauptbau der Sandgrube mit der nordöstlichen Schmalseite, wo 1868 Henri Merian einen zweiachsigen Anbau errichten liess, der jedoch seit 1957 wieder verschwunden ist.
Merianscher Sommersitz

Die Sandgrube diente Merian und Familie nur als Wohnsitz während der Sommermonate. Das eigentliche Domizil war der Regisheimerhof am Münsterplatz 11. Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Elisabeth 1815 heiratete Johann Jakob Merian Henriette Wieland. Der neue Familiensitz in der Stadt war der Andlauerhof am Münsterplatz 17.

Erst im Alter widmete sich Merian vermehrt der Sandgrube. Er liess den Garten durch zwei Gärtnermeister neu gestalten, mit einem Teich versehen und die Umfassungsmauer abreissen, womit der Blick aufs Land frei wurde. Merian überlebte auch seine zweite Ehefrau, und schied erst von Altersgebrechen gepeinigt 1841 aus dieser Welt.

Henri Merian, ältester Sohn aus zweiter Ehe, übernahm die Sandgrube und nutzte sich ab der zweiten Hälfte der 1850er Jahre vermehrt als Hauptsitz für seine wachsende Familie. Er liess die Gebäude des Hofes erweitern und fügte Neues hinzu. 1864 liess er das Allianzwappen Leissler/Hoffmann im Giebel durch sein eigenes ersetzen.


Anbauten 1868

Im Jahr 1868 liess Henri Merian dem Hauptbau an der Nordostseite einen zweiachsigen Anbau hinzufügen. Wohl war man bemüht, den barocken Stil des Wohnhauses nachzuahmen, aber das ausgewogene Gesamtbild litt durch den Anbau. Merian sei allerdings zugestanden, dass er sein Wohnhaus nach seinen Bedürfnissen ausbauen durfte.

Auf der Südwestseite wurde dem Haus auf beiden Geschossen ein kleinerer Anbau angefügt, der sich wie ein rechteckiges Treppenhaus ausnahm und aus der mittleren Partie dieser Fassade hervortrat. Mit dem Tod von Henri Merian 1874 erbte dessen Frau Anna Elisabeth, geborene Von der Mühll die Sandgrube. Sie zog 1892 definitiv von das St.Alban-Vorstadt auf das Landgut.

Nach dem Tod der Witwe 1905 kam die Sandgrube in den Besitz des jüngsten Sohnes Rudolf Merian, der sie gleich mit einer Zentralheizung versehen liess. Seine besondere Zuwendung galt dem Garten der Sandgrube und seinen Pflanzen. Nach seinem Ableben wollte niemand das Wohnhaus übernehmen, verschiedene Bewohner lösten sich ab.


Erworben durch den Staat

Für 4,5 Millionen Franken erwarb der Staat 1931 die Sandgrube und das zugehörige Land mit seinen Liegenschaften. In der Nachbarschaft des ehrwürdigen Landguts wuchsen ab 1949 zwei Schulhäuser, die ebenfalls den alten Flurnamen Sandgrube übernahmen. Ab 1956 begann man zudem mit dem Bau der neuen Gewerbeschule in direkter Nachbarschaft.

In jenen Tagen fällte man den Entschluss, im einstigen Landgut von Achilles Leissler das Kantonale Lehrerseminar unterzubringen. Nach diversen Erwägungen beschloss man, die Gebäude des alten Anwesens weitmöglichst wieder so herzustellen, wie man sie zu Leisslers Zeiten kannte. Im Spätherbst 1957 wurde mit dem Umbau begonnen.

Der Hauptbau wurde von den irritierenden Anbauten von 1868 befreit. Ebenso wurde die im 19.Jh in Kalkstein neu gemachten Treppen an Haupt- und Gartenfassade wurde wieder durch solche aus Sandstein ersetzt. Das Merian-Wappen im Giebel verschwand. Die Zentralheizung im Inneren wurde umgebaut damit sie weniger störend wirkte.

Auch bei der Gestaltung der Innenräume suchte man Inspiration in der früheren Zeit der Sandgrube. Vieles wurde rekonsturiert, manches durch zeitgenössische Stücke ergänzt. Die beiden Pavillons des Hofes erhielten ihre altes Gesicht zurück und wurden im Inneren für Musik- und Unterrichtszwecke eingerichtet. Die Orangerie jedoch musste weichen.

An früheren Ort der Orangerie steht heute der siebengeschossige Trakt der neuen Gewerbeschule die von 1956 bis 1961 zwischen der Vogelsangstrasse und der Riehenstrasse entstand. Der Garten war seit 1931 arg verlottert und wurde durch die Stadtgärtnerei neu angelegt. In diesem Garten erhielt auch die Orangerie einen neuen Platz.

die orangerie

Die Orangerie am neuen Standort, erbaut unter Verwendung originaler Bauteile mit Backsteinen anstatt Bruchsteinen. Im Hintergrund der Haupttrakt der Allgemeinen Gewrbeschule.
Ein barockes Bijou

Von 1939 bis 1945 nutzte der Luftschutz die Orangerie für Übungen, was ihr sehr zusetzte. Sie wurde nun abgebrochen, um in ihrer alten Gestalt an anderer Stelle neu zu erstehen. Die versetzte Orangerie bildet heute ein reizvolles Gegenstück zum Hauptbau der Sandgrube auf der anderen Seite des Gartens.

Heute, 45 Jahre nach ihrer Renovation in Sinne ihres ursprünglichens Gesichts, bildet die Sandgrube eine wohltuend barocke Insel im um sie herum gewachsenen Quartier Wettstein, nahe der pulsierenden Verkehrsstänge nach Deutschland und der Messe Basel mit ihrem Messeturm als Sinnbild der Moderne.

Literatur:

Paul Leonhard Ganz, Die Sandgrube, 1961, Verlag Helbing & Lichtenhahn

Dorothee Huber, Architekturführer Basel, 2.Auflage 1996, Herausgegeben vom Architekturmuseum in Basel, ISBN 3-905065-22-3, Seiten 87 bis 88 und 329 bis 330

Daniel Burckhardt-Werthemann, Bilder und Stimmen aus dem verschwundenen Basel, 1946, Verlag Friedrich Reinhard AG, Seiten 74 bis 96

Hans Eppens, Baukultur in alten Basel, 1974, Verlag Frobenius AG Basel, Seite 169

Das Bürgerhaus in der Schweiz, Band XXII - Kanton Basel-Stadt, 2.Teil, 1930, Orell Füssli Verlag, Seiten 56 bis 58 sowie Tafeln 110 bis 116

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