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Der Einfall der Ungarn 917
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Lokalhistoriker Paul Koelner (1878-1960) malte die Zerstörung Basels 917 in seinem 1929 erschienenen Heimatbuch detailliert aus: Während einige Bewohner in die Wälder geflohen seien, hätten sich andere kampfbereit um ihren Bischof Rudolf geschart - vergebens. Die Ungarn verwüsteten Basel, schonten weder jung noch alt. Sie höhnten in den Gassen den Christengott während sie sich abgenagte Knochen an die geschorenen Köpfe warfen und mit Geheul wilde Waffentänze aufführten. [1]

Wenig ist wirklich überliefert

Tatsächlich ist zum Ungarnsturm in Basel nur ganz wenig bekannt. Der Basler Staatsmann und Historiker Peter Ochs (1752-1821) behandelt das Thema 1786 im ersten Band seiner Geschichte der Stadt und Landschaft Basel bewusst zurückhaltend.
[2] Er zitiert lediglich jene eine Stelle im Geschichtswerk Chronicon des Mönchs Hermann von Reichenau (1013-1054); der einzigen Quelle die überhaupt von der Verwüstung Basels durch die Ungarn berichtet. Darin ist für 917 nur zu lesen:

"Hungarii pervasa, ut coeperant, Alamannia, Basileam urbem destruunt; indeque Alsatia vastata, Lotharii regnum, multa mala facientes, invadunt."
[3]

Es ist unbekannt woher Hermann die Information hatte dass die Stadt Basel zerstört wurde und die Ungarn danach ins Elsass und nach Lothringen zogen. Alles geschah fast hundert Jahre vor seiner Geburt. Sicher ist, dass ungarische Reiterheere anfangs des 10. Jahrhunderts begannen Raubzüge durch Europa zu führen. Das im Niedergang begriffene Karolingerreich konnte den Reitern aus dem Osten wenig entgegensetzen. Ihre Züge führten die Ungarn bis nach Spanien.

Dass dabei auch die damals noch kleine Stadt Basel von ihnen heimgesucht wurde liegt nahe. Koelners lebendige Schilderung war allerdings eher Kollage aus anderen Berichten zu Gräuel jener Zeiten, wie etwa der Lebensgeschichte der heiligen Wiborada, die im Kloster St.Gallen 926 von den Ungarn umgebracht wurde. Was konkret in Basel geschah ist nirgends festgehalten. Nicht einmal der von Koelner genannte Bischof Rudolf ist gesichert. Nur ein Steinsarg berichtet von ihm.

der steinsarg des mutmasslichen bischof rudolf im muenster

Der Sarkophag dessen Aufschrift ihn einem von Heiden getöteten Bischof zuweist im Jahr 2008 in der Krypta des Basler Münsters. Die neuzeitliche Beschriftung an der Wand stellt hinter das Jahr 917 ein Fragezeichen.

Der unbekannte Bischof Rudolf

Der Sarkophag im Münster ist mit so vielen Fragen wie die Zerstörung Basels umgeben. Ein älterer Trog aus Kalkstein wurde später mit einem neuen Deckel aus Buntsandstein versehen. Die Inschrift auf dem Deckel besagt, dass Bischof Rudolf am 13. Tag vor den Kalenden des August, also am 20. Juli, von den Heiden erschlagen worden sei.
[4] Der Historiker August Bernoulli (1839-1921) befasste sich in einer Publikation im Jahr 1904 mit den frühen Bischöfen von Basel.

Dabei stellte er auch Betrachtungen über Rudolf an, der nicht im ältesten Verzeichnis der Basler Bischöfe erschien. Er verwarf ältere Theorien, dass der Steinsarg einem um 870 amtierenden Bischof Rudolf zuzordnen sei. Dieser sei laut dem Jahrzeitbuch der Abtei Reichenau an einem 29. Juli verstorben, weshalb das Datum nicht stimme. Bernoulli stellte die Frage, bei welchem Anlass ein Bischof von Basel des 9./10. Jahrhunderts hätte von Heiden erschlagen werden können.

Er schloss sich der bereits 1903 von Kunsthistoriker Ernst Alfred Stückelberg (1867-1926) publizierten Theorie an, der gemäss der Amlass am wahrscheinlichsten die Zerstörung Basels durch die heidnischen Ungarn 917 wäre. Auch wenn wenig von diesem Unglück bekannt sei, wäre es wenigstens grundsätzlich gesichert. Frühere Datierungen des Überfalls durch die Ungarn auf den 21. Januar sah Bernoulli als Verwechslung. Er nahm den 20. Juli vom Steinsarg als richtigen Termin.

Ferner wies er auf den besser greifbaren Vorgänger Rudolfs hin; den an einem 15. Mai verstobenen und für 915 belegten Bischof Adalbero. Gemäss vorliegenden Erkenntnissen habe Rudolf höchstens zwei Jahre regiert bevor er 917 umgekommen sei. Der nächste Bischof nach ihm sei erst mit Wichard für 948 belegt. In der Zwischenzeit könnte der Bischof von Strassburg das verwüstete Basel verwaltet haben. Die kurze Amtszeit von Rudolf würde seine Unbekanntheit erklären.
[5]

Spätere Fachleute folgten Bernoullis Theorie. Der Kunsthistoriker Casimir Hermann Baer (1870-1942) griff sie 1932 auf.
[6] Auch der Baselbieter Kantonsarchäologe Reto Marti (geboren 1962) zitierte 2008 die über hundert Jahre alten Gedanken Bernoullis. [7] Der Historiker Martin Steinmann (geboren 1940) unterstrich im Jahr 2000 hingegen lapidar, dass es abgesehen vom Ungarneinfall reichlich andere Gelegenheiten gegeben hätte, von Heiden umgebracht zu werden. [8]

Basel im 9. Jahrhundert

Reto Marti schilderte das mutmasslich am 20. Juli 917 zerstörte Basel als kleinen Grenzort am Schnittpunkt von Burgund, Alamannien und dem fränkischen Reich. Ungewiss sei ob die Jahrhunderte alte spätrömische Kastellbefestigung überhaupt noch einen nennenswerten Schutz geboten habe. Von weiteren Massnahmen zur Stadtbefestigung sei erst im 11. Jahrhundert zu vernehmen. Demnach wäre Basel dem Angriff der Ungarn weitgehend schutzlos ausgeliefert gewesen.
[9]

Zusammenfassend bleibt das Bild eines Städtchens, dessen Kern auf dem Münsterhügel den Bischofssitz beherbergte. Das von Bischof Haito (ca 762-836) rund hundert Jahre zuvor errichtete Münster, dürfte mit seinen zwei Rundtürmen alles überragt haben. Historiker vermuten ferner, dass sich eventuell auch ein mächtiger römischer Getreidespeicher am Münsterplatz bis ins frühe Mittelalter erhalten habe. Ansonsten prägten strohgedeckte Holzbauten meist das Bild.
[10]

Vier Männergräber die 1965 unter der Pfalz gefunden wurden werden nach heutigen Erkenntnissen dem 8./9. Jahrhundert zugeordnet. Knochenbau und die über dem damaligen Durchschnitt liegende Körpergrösse von 175 Zentimetern lassen den Schluss zu, dass die Männer einer gehobenen Bevölkerungsschicht angehörten.
[11] Ernährung und Lebenshaltung hatten nicht ihr Wachstum gehemmt. Vielleicht waren es Zeitgenossen von Bischof Rudolf, oder gehörten gar seinem Gefolge an.

Etwas Schutz bot möglicherweise noch die Mauer des früheren römischen Kastells. Sie umfasste in spätrömischen Tagen den heutigen Raum zwischen St.Martin und Rittergasse. Dass im 10. jahrhundert vor der Mauer noch ein Rest des keltischen Festungsgrabens existierte, beweist der Fund eines Eichenbalkens aus der Zeit um 1075. Er wurde 2009 in eben diesem Graben an der Rittergasse gefunden.
[12] Vielleicht bringt die Zukunft weitere Erkenntnisse zu Basel um das Jahr 917.

Ende der Ungarenstürme

Koelners Schilderung ist Spekulation. Aber aus vielen Berichten geht hervor (auch wenn Chronisten damals oft übertrieben), dass die Reiterheere der Ungarn eine üble Heimsuchung waren. Wehrlose Bevölkerung fiel unter den Klingen der Maygaren, und die Zahl geplünderter und niedergebrannter Orte ist Legion. Erst nach dem König Otto I. (912-973) ein ungarisches Heer in der Schlacht auf dem Lerchenfeld im August 955 schlug und vernichtete, endete die Zeit der Ungarneinfälle.

Zusammenfassung

Der Überfall und die Zerstörung Basels durch die Ungarn sind nur durch eine kurze Erwähnung in der Chronik des Mönchs Hermann von Reichenau bekannt. Basel war damals eine kleine Grenzstadt die eher schwach befestigt und vermutlich leicht erobert war. Die Stadt war auch Sitz des Bischofs von Basel. Seit 1903/1904 gibt es die Vermutung, dass damals ein ansonsten unbekannter Bischof Rudolf am 20. Juli 917 beim Ungarnüberfall umkam. Sein Steinsarg steht heute im Münster.


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Beitrag erstellt 21.12.12

Anmerkungen:

[1] P. Koelner, Beitrag "Der Ungarn-Ueberfall", Abschnitt "I. - Unter dem Krummstab", publiziert in Anno Dazumal, Basel, 1929, Seite 3

[2] P. Ochs, Abschnitt "Fünfte Periode, VI. Kapitel - Verheerungen der Hungern", publiziert in Geschichte der Stadt und Landschaft Basel, Band 1, Berlin und Leipzig, 1786, Seiten 184 bis 185

[3] H. von Reichenau, Hermanni contracti chronicon, publiziert im Internet unter http://www.flaez.ch/hermannus/chronicon.html#text389

[4] C.H. Baer, Beitrag "Der Steinsakophag des Bischofs Rudolf II", in Unterabschnitt "Funde und Denkmäler aus fränkischer Zeit" in Abschnitt "Die prähistorische, römische und fränkische Zeit", publiziert in Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 1, Basel, 1932/71, Seiten 53 und 54

[5] A. Bernoulli, Beitrag "Zum ältesten Verzeichnis des Basler Bischöfe", publiziert in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 3, Basel, 1904, Seiten 62 bis 64

[6] C.H. Baer, Beitrag "Der Steinsakophag des Bischofs Rudolf II", in Unterabschnitt "Funde und Denkmäler aus fränkischer Zeit" in Abschnitt "Die prähistorische, römische und fränkische Zeit", publiziert in Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 1, Basel, 1932/71, Seite 55

[7] R. Marti, Beitrag "Rudolf, von den Heiden erschlagen", im Abschnitt "Frühmittelalter 476-1000 n. Chr.", publiziert in Unter uns - Archäologie in Basel, Basel, 2008, Seite 281, Spalte 2

[8] M. Steinmann, Unterabschnitt "Im Königreich Hochburgund", Abschnitt "Völkerwanderung, Karolinger und das Königreich Hochburgund: Der Bischof etabliert sich" in Kapitel "Von der frühen Besiedlung bis zur ersten Blüte der Stadt", publiziert in Basel - Geschichte einer städtischen Gesellschaft, Basel, 2000, Seite 24, Spalte 2

[9] R. Marti, Beitrag "Rudolf, von den Heiden erschlagen", im Abschnitt "Frühmittelalter 476-1000 n. Chr.", publiziert in Unter uns - Archäologie in Basel, Basel, 2008, Seite 281, Spalte 2

[10] R. Marti, Beitrag "Das erste Münster", im Abschnitt "Frühmittelalter 476-1000 n. Chr.", publiziert in Unter uns - Archäologie in Basel, Basel, 2008, Seiten 254 bis 255 und 281

[11] R. Marti, Abschnitt "Frühmittelalter 476-1000 n. Chr.", publiziert in Unter uns - Archäologie in Basel, Basel, 2008, Seite 254 so wie P.A. Schwarz, Abschnitt "Frühmittelalterliche Gräber", publiziert in Die Archäologische Informationsstelle Aussenkrypta unter der Pfalz des Basler Münsters, Archäologische Denkmäler in Basel, Broschüre 1, Basel, 2001, Seite 8

[12] M. Bernasconi / A. Hagendorn / T. Scholz, Beitrag "Leitungen Erschliessen Geschichte - Archäologie und Leitungsbau auf dem Basler Münsterhügel", publiziert im Jahresbericht 2011 der Archäologischen Bodenforschung des Kantons Basel Stadt, Basel, 2012, Seite 107


Quellen:

Casimir Hermann Baer, Beitrag "Der Steinsakophag des Bischofs Rudolf II", publiziert in Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 1, herausgegeben von der Gesellschaft für Erhaltung historischer Kunstdenkmäler, Birkhäuser Verlag, Basel, 1932/71, Seiten 53 bis 55

Marco Bernasconi / Andrea Hagendorn / Till Scholz, Beitrag "Leitungen Erschliessen Geschichte - Archäologie und Leitungsbau auf dem Basler Münsterhügel", publiziert im Jahresbericht 2011 der Archäologischen Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt, herausgegeben von der Archäologischen Bodenforschung des Kantons Basel Stadt Basel, 2012, ISBN 978-3-905098-56-3, ISSN 1424-4435, Seite 107

August Bernoulli, Beitrag "Zum ältesten Verzeichnis des Basler Bischöfe", publiziert in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 3, Basel, herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1904, Seiten 62 bis 64

Paul Koelner, Anno Dazumal, Lehrmittelverlag des Erziehungsdepartements Basel-Stadt, Basel, 1929, Seite 3

Reto Marti, Abschnitt "Frühmittelalter 476-1000 n. Chr.", publiziert in Unter uns - Archäologie in Basel, herausgegeben von der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt und dem Historischen Museum Basel, Christoph Merian Verlag, Basel, 2008, ISBN 978-3-85616-384-6, Seiten 254 und 255

Peter Ochs, Geschichte der Stadt und Landschaft Basel, Band 1, Georg Jakob Decker, Berlin und Lepizig, 1786, Seiten 184 bis 185

Hermann von Reichenau, Hermanni contracti chronicon, publiziert im Internet unter http://www.flaez.ch/hermannus/chronicon.html#text389

Peter-Andrew Schwarz, Die Archäologische Informationsstelle Aussenkrypta unter der Pfalz des Basler Münsters, Archäologische Denkmäler in Basel, Broschüre 1, herausgegeben von der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt, Basel, 2001, ISBN 3-905098-31-8, ISSN 1660-0398, Seite 8

Martin Steinmann, "Von der frühen Besiedlung bis zur ersten Blüte der Stadt", Publiziert in Basel - Geschichte einer städtischen Gesellschaft, herausgegeben von Georg Kreis und Beat von Wartburg, Christoph Merian Verlag, Basel, 2000, ISBN 3-85616-127-9, Seiten 24 bis 25

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