der leu

zurueck

fragen zum alten basel
Wie der Weihnachtsbaum nach Basel kam



Herr K. / 26. November 2012:

Gab es den Weihnachtsbaum in Basel immer schon, oder wurde er importiert wie Haloween?

Antwort von altbasel.ch:

Der Volkskundeforscher Theo Gantner (geboren 1931) verfasste 1986 zum Weihnachtsbaum einen Aufsatz. Er hielt darin fest, dass es bereits im 16. Jahrhundert ein Baumbrauch zu Weihnachten in Basel gab. 1597 hätten hiesige Schneidergesellen einen mit Äpfel und Käse geschmückten grünen Baum umhergetragen, um ihn danach in Ihrer Herberge aufzustellen und zu plündern. Vergleichbare Bäumchen hätten zur Weihnachtszeit am Oberrhein oft in Zunftstuben von Handwerkern gestanden.
[1]

der weihnachtabaum auf dem muensterplatz 2012

Der von Johann Wanner geschmückte Weihnachtsbaum beim Basler Weihnachtsmarkt auf dem Münsterplatz in einer Dezembernacht im Jahr 2012.

Die ersten Erwähnungen vom privaten Bäumen

Das Schmücken von Bäumen zu Weihnachten war in Basel also schon vor über 400 Jahren bekannt. Doch sollte es bis ins 19. Jahrhundert dauern, bevor der geschmückte Baum zu Weihnachten von den Zunftstuben in die Bürgerhäuser kam. Damals verschwand allmählich der Schenktermin Neujahr zu Gunsten von Weihnachten. Der Volkskundler Eduard Strübin (1914-2000) widmete 1991 in seinem Werk zum Baselbieter Brauchtum dem städtischen Weihnachtsbaum einen eigenen Abschnitt.
[2]

Strübin verwies darin unter anderem auf einen Brief der Pfarrherrengattin Susanna Maria Burckhardt-Schorndorf (1782-1830). In den Tagen als alliierte Armeen gegen Napoleon durch Basel zogen und die Bevölkerung viel Mangel und Leid zu ertragen hatte, schrieb die Pfarrersfrau am 24. Dezember 1813 von den Nöten welche auf den Landleuten lasteten, und dass man es dennnoch im Vergleich zu anderen Ländern gut habe. Und sie erwähnte den Brauch einen Baum zu schmücken:

"... O wenn du könntest liebe Mutter den Baum zieren, so hätten die Kindlein ihre Freude - aber machs nur wenn du wohl kannst."
[3]

Der spätere Pfarrer Immanuel Stockmeyer (1814-1894) erlebte es wie seine 1821 jung verstorbene Stiefmutter Rosine Stockmeyer-Legrand den Buben nachts aus den Bett holte um ihm als Überraschung den geschmückten erleuchteten Weihnachtsbaum zu zeigen. Manchmal verkleidete sie sich auch (wohl als Christkind), und trug den leuchtenden Baum an sein Bett. In jedem Fall wird der nächtliche Lichterbaum für das Kind ein eindrückliches Erlebnis gewesen sein.

Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) erlebte es als Kind ebenfalls, dass am Weihnachtsmorgen der geschmückte Baum vor seinem Bett aufleuchtete. Er betrachtete ihn erschreckt und halb erstaunt als "niegesehene Pracht".
[4] Burckhardt war übrigens der Sohn der erwähnten Susanna Maria Burckhardt-Schorndorf, die 1813 ihre Mutter aufforderte den Baum für die Kinder zu schmücken. In Burckhardts Familie scheint der Weihnachtsbaum schon damals Brauch gewesen zu sein.

Johann Peter Hebels Kinderbäumchen

Der Baum vor Burckhardts Kinderbett sei auf die Anregung eines Onkels zurückgegangen, der seinerseits den erleuchteten Baum in Deutschland kennengelernt habe. Hierzu ist es interessant zu wissen, dass der geschmückte Baum für Kinder in den häuslichen Stuben am Oberrhein schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekannt war. Der Mundartpoet Johann Peter Hebel (1760-1826) beschrieb in seinem Gedicht "die Mutter am Christabend" 1803 das Schmücken eines Bäumchens:

"Verwach mer nit, verwach mer nit! / Dii Muetter goht mit stillem Tritt, / sie goht mit zartem Muettersinn / un holt e Baum im Chämmerli dinn.

Was henk i der denn dra ? / N e schöne Lebchuechemaa, / ne Gitzeli, ne Mummeli / un Blüemli wiiß un rot un gel, / alles vo süeßem Zuckermehl.

...

‘s isch wohr, es isch e Pracht, / was so en Öpfel lacht, / un isch der Zuckerbeck e Maa, / se macht er so ein, wenn er cha ! / Der lieb Gott het en gmacht.

Was han i echt no meh ? / Ne Fazenetli wiiß un rot, / un das eis vo de schöne. / O Chind, vor bittre Träne / biwahr di Gott, biwahr di Gott !

Un was isch meh do inn ? / ne Büechli, Chind! ‘s isch au no dii. / I leg der schöni Heigeli drii, / un schöni Gibettli sinn selber drinn.

...

Un witt’s nit anderst ha, / in Gottes Name seig es drum! / Doch Muetterliebi isch zart un frumm,sie windet roti Bendeli drii / un macht e Letschli dra.

Jetz wär er usstaffiert / un wie ne Maibaum ziert, / un wenn bis früeih der Tag verwacht, / het’s Wiehnechtchindli alles gmacht."
[5]

Hebel beschreibt hier in seinem allemannischen Dialekt einen solchen eigens für Kinder geschmückten Baum. An diesem sind unter anderem Kekse, Lebkuchen, Zuckerblümchen so wie kleine Geschenke und ein rotes Band mit Schleife angebracht. Laut dem Gedicht soll das Kind, am Morgen wenn es erwacht und das geschmückte Bäumchen sieht glauben, dass das Christkind dies gemacht habe. Dieser Weihnachtsbaum in der heimischen Stube kam in den folgenden Jahrzehnten auch nach Basel.

Von der Bürgerstube in die Öffentlichkeit

Um 1820 bestand noch ein Unterschied zwischen Bescherung und Weihnachten. Geschenktermin war traditionell erst auf Neujahr. Der Weihnachtstag hingegen war eher ein Termin der Besinnlichkeit. Dieser konnte für die Kinder mit dem aufkommenden Weihnachtsbaum verschönert werden. Man zündete die Kerzen des Baumes in Basel auch auf Neujahr an, und zuweilen nannte man ihn überhaupt "Neujahrsbaum".
[6] Ernst Jenny (1874-1959) ging 1949 auf dieses Brauchtum ein.

In seiner Betrachtung zu Basel während der Biedermeierzeit schilderte Jenny, wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst Weihnachten rein religiös gefeiert wurde, ohne Lichterbaum. Das Vergeben von Geschenken sei erst auf Neujahr erfolgt, bis der Weihnachtsbaum auf Heiligabend oder Weihnachten grössere Verbreitung gefunden habe. Am Baum hätten auch die kleinen Geschenke für die Kinder gehangen, verziert mit einer mahnenden Rute und roter Schleife.
[7]

Weihnachtsbäume mit Schmuck und angehängten Geschenken traf man indes nur in bürgerlichen Familien an. Die weniger vermögenden Volksschichten konnten sich einen solchen Baum selten leisten. Die breite Öffentlichkeit erlebte in Basel erstmals im Jahr 1844 einen Weihnachtsbaum. Im so genannten Knabensaal im Zunfthaus zu Gartnern in der Gerbergasse stand zur Weihnachtsfeier ein geschmückter Lichterbaum, um den sich das staunende Publikum von der Strasse gedrängt hätte.
[8]

Damit war der Weihnachtsbaum definitiv in das Bewusstsein der Basler Bevölkerung gedrungen. Mit der Zeit wurde er zunehmend zu einem festen Bestandteil der Festtage. Auch wenn es noch lange dauern sollte, bis sich die meisten Leute ein Bäumchen in der Stube leisten konnten, war das Bewusstsein um den Christbaum geweckt. Er trat danach seinen Siegeszug an, der klein in Kinderstuben begann und bis zum stattlichen Weihnachtsbaum auf dem Münsterplatz führte.

der weihnachtabaum auf dem muensterplatz 2012

Der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz im Jahr 2004 von der Halle des Rathauses aus gesehen. Die Tradition öffentlicher Weihnachtsbäume begann in Basel 1844 auf der Gartnernzunft.

Zusammenfassung

Geschmückte Bäume zu Weihnachten kannte man am Oberrhein in den Zunftstuben bereits im 16. Jahrhundert. In Basel wird für 1597 das Umhertragen eines mit Äpfel und Käse geschmückten Baumes durch Scheidergesellen erwähnt. Der Weihnachtsbaum in Privathäusern ist hier erst im frühen 19. Jahrhundert nachzuweisen. Ein Gedicht von Johann Peter Hebel um 1803 handelt vom Schmücken eines Bäumchens durch die Mutter für ihr Kind. 1813 wird für Basel das Baumschmücken in einem Brief erwähnt.

Aus den 1820er Jahren ist in Basel der Brauch bekannt, dem Kind in der Nacht den geschmückten und erleuchteten Baum zu zeigen oder ihn im ins Kämmerchen ans Bett zu stellen. Damals war der Baum eher eine für Kinder gedachte Bereicherung von Weihnachten und hatte weniger mit Geschenken zu tun. Schenktermin war nämlich traditionell Neujahr, während Weihnachten einen religiösen und besinnlichen Charakter hatte. Die Christbaumkerzen wurden dann oft auch zu Neujahr nochmals angezündet.

Man sprach machmal auch vom "Neujahrsbaum". Die Weihnachtsbäume waren zu Beginn hauptsächlich in den Haushalten bürgerlicher Familien zu finden. Die weniger vermögende Teile der Bevölkerung kamen 1844 näher mit dem Weihnachtsbaum in Berührung. Damals stand in einem Saal der Gartnernzunft erstmals ein erleuchteter, quasi öffentlicher Christbaum, der viel Publikum anzog. Mit der Verbreitung der Weihnachtsbaumes verschob sich auch der Schenktermin von Neujahr allmählich auf Weihnachten.




Ausdruckbare Pdf-Datei (107 KB) dieses Beitrags: > hier herunterladen




Beitrag erstellt 02.12.12 / Flüchtigkeitsfehler korrigert 19.12.14

Anmerkungen:

[1] T. Gantner, Beitrag "Weihnachts- und Neujahrsbäume", publiziert in Z Baasel under em Wiehnachtsbaum, Basel, 1986, Seite 43

[2] E. Strübin, Abschnitt "Der städtische Weihnachtsbaum", publiziert in Jahresbrauch und Zeitenlauf, Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft, Band 38, Liestal, 1991, Seiten 482 bis 484

[3] S. M. Burckhardt-Schorndorf, Brief vom 24. Dezember 1813, in Beitrag "Hundertjährige Briefe einer Laufener Pfarrfrau", publiziert im Basler Jahrbuch 1914, Basel, 1913, Seite 257

[4] E. Strübin, Abschnitt "Der städtische Weihnachtsbaum", publiziert in Jahresbrauch und Zeitenlauf, Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft, Band 38, Liestal, 1991, Seiten 482 bis 483

[5] J. P. Hebel, Gedicht "Die Mutter am Christabend", in Abschnitt "Alemannische Gedichte", publiziert in Johann Peter Hebel, Werke, Band 2, Frankfurt am Main, 1968, Seiten 53 bis 54

[6] T. Gantner, Beitrag "Weihnachts- und Neujahrsbäume", publiziert in Z Baasel under em Wiehnachtsbaum, Basel, 1986, Seite 46

[7] E. Jenny, Beitrag "Basel zur Biedermeierzeit", publizert im Basler Jahrbuch 1949, Basel, 1948, Seite 46 bis 47

[8] T. Gantner, Beitrag "Weihnachts- und Neujahrsbäume", publiziert in Z Baasel under em Wiehnachtsbaum, Basel, 1986, Seite 45


Quellen:

Susanna Maria Burckhardt-Schorndorf, Brief vom 24. Dezember 1813, in Beitrag "Hundertjährige Briefe einer Laufener Pfarrfrau" von Felix Staehelin, publiziert im Basler Jahrbuch 1914, herausgegeben von Albert Gessler und August Huber, Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1913, Seite 257

Theo Gantner, Beitrag "Weihnachts- und Neujahrsbäume", publiziert in Z Baasel under em Wiehnachtsbaum, herausgegeben von Beat Trachsler, GS-Verlag, Basel, 1986, ISBN 3-7185-0068-X, Seite 45

Johann Peter Hebel, Johann Peter Hebel, Werke, Band 2, herausgegeben von Eberhard Meckel, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1968, Seiten 53 bis 54

Ernst Jenny, Beitrag "Basel zur Biedermeierzeit", publizert im Basler Jahrbuch 1949, herausgegeben von Ernst Jenny und Gustav Steiner, Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1948, Seite 46 bis 47

Eduard Strübin, Abschnitt "Der städtische Weihnachtsbaum", publiziert in Jahresbrauch und Zeitenlauf, Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft, Band 38, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, 1991, ISBN 3-85673-225-10, Seiten 482 bis 484

engel

zurück zu fragen & antworten | zum schlagwortkatalog