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Der Durchmarsch der Alliierten 1813/14
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Nach der Schlacht von Leipzig am 16.-19. Oktober 1813 drängten die alliierten Armeen Russlands, Österreichs und Preussens, gemeinsam mit anderen Verbündeten, die Truppen Napoleon Bonapartes (1769-1821) zurück nach Westen. Mit der Überquerung des Rheins sollte der Feldzug nun weiter nach Frankreich führen. Damit rückte Basel mit seiner Rheinbrücke ins Auge der Feldherren.

Nicht nur Basel alleine geriet in den Brennpunkt. Die Eidgenossenschaft allgemein sollte zum Operationsgebiet werden. Die Armee des österreichischen Feldmarschalls Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg (1771-1820) plante einen Vorstoss durch die Schweiz in die Flanke Frankreichs. Pläne dazu arbeitete sein Generalstabsschef Josef Wenzel Radetzky von Radetz (1766-1858) aus.

Radezky hatte keine Skrupel, die Schweizer Neutralität zu missachten. Diese war ohnehin eine von Napoleons Gnaden. Die Eidgenossenschaft stellte nach wie vor vier Regimenter für dessen Armee. Erst kürzlich hatte der Kaiser der Franzosen 8'000 Mann Verstärkung von der Schweiz verlangt, die sich nun vorbereitete, Truppen gegen eine alliierte Bedrohung aufzubieten.

Die durch Abgaben an Frankreich geschwächte eigenössische Militärmacht wurde dem Kommando von General Niklaus Rudolf von Wattenwyl (1760-1832) anvertraut, der bereits 1805 ein eidgenössisches Aufgebot befehligte. Ihm unterstellt war Oberst Johann Anton von Herrenschwand (1764-1835) der mit ca 8000 Mann die Rheinlinie zwischen Basel und Laufenburg verteidigen sollte.

Der Auftrag, welcher auch die Verteidigung Basels umfasste, was eine unmögliche Mission. Die Schweizer Miliztruppen waren kein Gegner für die zahlenmässig überlegenen Verbände der Alliierten. Im Dezember hatte von Herrenschwand sein Quartier im Weissen Haus am Rheinsprung aufgeschlagen. Basel war wegen der Brücke und der nahen französischen Festung Hüningen besonders wichtig.

gedenktafel zum treffen von zar alexander und pestalozzi

Gedenktafel zur Erinnerung an das Treffen zwischen Johann Heinrich Pestalozzi und Zar Alexander I. im Segerhof am Blumenrain 1814.

Basel wird zur offenen Stadt

Basel erhoffte sich von den eidgenössischen Truppen Schutz vor einem alliierten Einmarsch. Doch von Herrenschwand und von Wattenwyl erkannten bald die Lage. Sie standen im Weg der Armee Schwarzenberg mit ihren knapp 200'000 Mann und 30'000 Pferden. In ihr marschierten bewährte Truppen wie die Russisch-preussischen Garden unter Fürst Michael Andreas Barclay de Tolly (1761-1818).

Hinter der gewaltigen militärischen Kulisse zog Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich (1773-1859) sämtliche Register seiner gewieften Diplomatie, um den Durchmarsch durch die Schweiz zu sichern. Er überzeugte die eidgenössischen Befehlshaber von der realen Aussichtslosigkeit jeden Widerstandes. Die Eidgenossen waren keine Spartaner, und Basel war nicht die Thermopylen.

In der Nacht zum 20. Dezember 1813 erschien Metternich bei Feldmarschall Schwarzenberg und teilte ihm mit, dass seine Armee in Marsch gesetzt werden konnte. Zugleich zogen sich die eidgenössischen Truppen aus Basel zurück, welches sie seit Wochen zur Verteidigung befestigt hatten. Basel wurden von diesem Rückzug überrascht und fühlte sich von der Schweiz preisgegeben.

Bei Verhandlungen in Lörrach hatte von Herrenschwand bei den Österreichern einen Aufschub des Einmarsches um 24 Stunden erreicht. Während die Schweizer Truppen Basel verliessen, fürchtete man in der Stadt die Kanonen der nahen französischen Festung Hüningen. Als Rache für die kampflose Ausgabe ihrer südlichen Flanke könnte sie jederzeit die Stadt unter Beschuss nehmen.

Der Durchmarsch beginnt

Doch die Festungsgeschütze schweigen als am Morgen des 21. Dezembers gegen neun Uhr die ersten österreichischen Truppen unter Feldmarschalleutnant Alois Gonzaga von Liechtenstein (1780-1833) vor Kleinbasels Toren erschienen. Eine Abordnung des Rats von Basel erwartete und geleitete ihn zum Frühstück in den Gasthof zu den drei Königen. Inzwischen strömte ein Heer durch die Stadt.

Voran marschierte die Vorhut des österreichischen Feldmarschalleutnants Ferdinand von Bubna und Littitz (1768-1825). Ihr folgte das Österreichisch-württembergische Korps unter Feldmarschalleutnant Hieronymus von Colloredo-Mansfeld (1775-1822) danach kam das Österreichisch-bayerische Korps unter dem Kommando des bayerischen Generals Carl Philipp von Wrede (1767-1838).

Nicht nur in Basel sondern auch bei Rheinfelden, Laufenburg und Schaffhausen drangen insgesamt fünf alliierte Kolonnen in die Schweiz ein. Von Aargau her kamen dann am Abend des 21. auch drei Regimenter russischer Kosaken durch das St.Alban-Tor in die Stadt. Sie hielten sich nicht lange auf sondern strebten eilig durch die Freie Strasse zum Spalentor und weiter ins Elsass.

Alleine am 21. Dezember marschierten rund 80'000 Mann über die Rheinbrücke bei Basel. Sie drängten durch die Stadt. Der Durchmarsch sollte monatelang dauern. Auch das Umland wurde von Marschkolonnen überflutet. Eine durchziehende Armee bedeutete zu allen Zeiten eine Heimsuchung. Soldaten mussten verpflegt und einquartiert werden und Pferde brauchten Futter.

Typhus

Durchmarsch bedeutete Not und Mangel für jede Bevölkerung. Es war Winter und das Brennholz wurde knapp. Auch schleppten die fremden Truppen Krankheiten ein. In jenen Zeiten kamen auf Feldzügen meist mehr Soldaten durch Krankheiten als durch Gefechte ums Leben. Mit den Alliierten empfing Basel damals auch den Typhus. Die Epidemie raffte Krieger wie Zivilisten dahin.

Ende Januar 1814 erschien sie schleichtend in Basel. Im einstigen Predigerkloster, im Markgräflerhof und in der Kaserne im früheren Kloster Klingental wurden Seuchenlazarette für erkrankte Soldaten eingerichtet. Für Offiziere gab es ein Typhusspital im Haus zum Kirschgarten. Auf dem Land lagen die Sterbenden in Scheunen, riefen mit schwacher Stimme nach ihren Müttern.

Bei Ausgrabungen auf dem Kasernenareal 2018/19 stiess die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt auf ein Massengrab. In diesem lagen die hastig beigesetzten sterblichen Überreste von 27 jungen Männern. Man vermutet dass es sich um Soldaten handelt, die während des Durchmarsches 1813/14 in Basel starben und auf dem Notfriedhof beim Lazarett Klingental beerdigt wurden.

Auch die rund 16'500 Personen zählende Bevölkerung heimgesucht. Apotheker weigerten sich, Erkrankte mit Medizin zu beliefern. So ordnete die Obrigkeit an, dass Waisenkinder die Aufgabe übernehmen sollte. Bald war das Waisenhaus voller angesteckter Waisen. Der Waisenvater Theodor Falkeisen (1768-1814) pflegte unermüdlich seine Kinder bis auch ihn die Seuche niederstreckte.

Auf dem Kirchhof von St.Alban steht noch heute ein Grabstein der Zimmermeister Johann Jakob Stehlin (1771-1814), der seine Schreinerei an der Malzgasse hatte. Als der Typhus ihn sein Leben kostete, hinterliess er eine trauernde Gattin mit ihren Kindern, die sich fühlte als sei ihr das Licht ihres Lebens genommen worden. In Basel starben am Typhus 1814 hunderte von Menschen.

grabstein fuer ein typhusopfer von 1814

Grabstein für den 1814 am Typhus verstorbenen Johann Jakob Stehlin auf dem Kirchhof von St.Alban im St.Alban-Tal.

Drei Monarchen in Basel

Am Nachmittag des 12. Januar 1814 kam mit grosser Bagage der österreichischen Kaiser Franz I. (1768-1835) in die Stadt. Er traf als erster alliierter Monarch im Rahmen des Feldzugs in Basel ein und bezog sein Quartier im Blauen Haus am Rheinsprung. Tags darauf ritt er die verschneiten Gasse hinab über die Rheinbrücke, um den Zaren und den preussischen König zu begrüssen.

Am 13. Januar 1814 gegen Mittag traf Kaiser Franz Zar und König in Kleinbasel. Zusammen ritten sie, umrahmt von Truppen, über die Brücke zurück nach Grossbasel. Ihnen folgte die vom Volk erwartete russische Garde. Es hiess, wer die Garde nicht gesehen habe, habe nichts gesehen. Später sollten die Monarchen am Petersplatz vor viel Publikum eine Parade der Gardetruppen abnehmen.

Zar Alexander I. (1777-1825) quartierte sich im Segerhof am Blumenrain ein, wo er die oberen Geschosse bezog, während sich im Erdgeschoss der Stab der russischen Armee einrichtete. Im Seidenhof gegenüber liess Alexander am 23. Januar eine prachtvolle russisch-orthodoxe Messe abhalten. Seit 2012 erinnert eine Gedenktafel am Seidenhof an den Aufenthalt des Zaren in Basel.

Der preussische König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) hatte sein Quartier im Deutschritterhaus an der Rittergasse. Er genoss nicht die wohlwollende Aufmerksamkeit der Basler Bevölkerung, wie sie Zar Alexander oder Kaiser Franz zukam. Wie es hiess, fehlte dem Preussen die Leutseligkeit, die dem lebenslustigen Russen wie auch dem leicht steiferen Österreicher gegeben war.

kaiser, zar und koenig von preussen 1814 in basel

Kaiser Franz von Österreich (mitte) mit Zar Alexander (links) und dem preussischen König Friedrich Wilhelm am 13. Januar 1814 auf der Basler Rheinbrücke | Illustration von Karl Jauslin (1842-1904)

Belagerung der französischen Festung Hüningen

Die Monarchen zogen weiter, dem Feldzug hinterher. Doch der Krieg blieb in Basel. Die Festung Huningen, die sich zu Beginn der Einmarsches so still verhalten hatte, war noch nicht gefallen. General von Wrede hatte sie am 23. Dezember 1813 mit seinen bayerischen Truppen eingeschlossen. Der Festungskommandant, Oberst Jean Hugues Chancel (1766-1834) hielt seither stand.

Doch von Wredes Truppen wurden in Frankreich gegen Napoleon gebraucht, und zogen Mitte Januar weiter. Sie liessen zur weiteren Belagerung 2500 Mann zurück, die noch drei weitere Monate die Belagerungskämpfe fortsetzten. In der Festung mit einer eigenen kleinen Stadt im Kern befanden sich Soldaten wie Zivilisten. Mit zunehmender Dauer der Belagerung wurde die Stimmung bitter.

In der Festung machte man Basel für die Belagerung verantwortlich, da die Stadt den Alliierten den Durchmarsch erlaubt hatte, was diese vor die Festung führte. Als Vergeltung für feindlichen Beschuss nahmen die Geschütze vom 8. bis 10. Februar 1814 Basel und das Basler Fischerdorf Kleinhüningen unter Feuer. In der Nacht vom 8. zum 9. März gingen erneut Granaten auf Basel nieder.

Karl Freiherr von Zoller (1773-1849), Kommandant des Belagerungskorps, schickte einen Unterhändler vor die Festung, der forderte dass das Feuer auf Basel einzustellen sei. Da die Stadt neutral und dem Kriege fremd sei, wäre der Beschuss völkerrechtswidrig. Oberst Chancel antwortete, dass Basel sich mit dem Feind gemein gemacht habe, und nun dafür bezahlen müsse.

Es war eingetreten was man in Basel von Beginn an befürchtet hatte. Die Stadt wurde von der Festung zum Feind gerechnet und bekämpft. Die Bevölkerung von Basel und Kleinhüningen musste mit der steten Gefahr leben, bis die Festung gefallen war. Am 16. April zogen endlich bayerische Truppen in der Festung ein, vier Tage nach dem Napoleon in Paris abgedankt hatte.




Beitrag erstellt 05.08.19

Quellen:

Walter Asal, Bürgerliches Waisenhaus Basel in der Kartause, 149. Neujahrsblatt GGG, Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1971, Seite 63

Edgar Bonjour / Albert Bruckner, Basel und die Eidgenossen, Verlag Birkhäuser Basel, Basel, 1951, Seiten 248 bis 250

Albrecht Burkhardt, Demographie und Epidemiologie der Stadt Basel während der letzten drei Jahrhunderte 1601-1900, Universitätsbuchdurckerei Friedrich Reinhardt, Basel, 1908, Seiten 48 bis 49

Daniel Burckhardt-Werthemann, Häuser und Gestalten aus Basels Vergangenheit, Frobenius AG, Basel 1925, Seite 21 bis 32

Hans Buser, Basel in den Mediationsjahren 1807-1813, 82. Neujahrsblatt der GGG, herausgegeben von der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen, Kommissionsverlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1904, Seite 29 bis 50

Justin Gehrig, Aus Kleinhünigens vergangenen Tagen, Verlangs-Druckerei Hans Boehm, Basel, 1941, Seiten 61 bis 62

Peter Ferdinand Kopp, Peter Ochs - Sein Leben nach Selbstzeugnissen erzählt und mit authentischen Bildern reich illustriert, Buchverlag Basler Zeitung, Basel 1992, ISBN 3-85815-248-X, Seiten 164 bis 165

Gustav Steiner, Der Bruch der schweizerischen Neutralität im Jahr 1813, 102. Neujahrsblatt der GGG, herausgegeben von der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen, Kommissionsverlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1924

Karl Tschamber, Geschichte der Stadt und ehemaligen Festung Hüningen, Perrotin & Schmitt, St.Ludwig/St.Louis, 1894, Seiten 189 bis 205

Wilhelm Vischer, Basel in der Zeit der Restauration 1814-1830, 83. Neujahrsblatt der GGG, herausgegeben von der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen, Kommissionsverlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1905, Seite 7 bis 23

Medienmitteilung der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt "Massengrab aus der Zeit der Napoleonischen Kriege" vom 05.09.2019, online unter https://www.archaeologie.bs.ch/ueber-uns/medienmitteilungen/napoleonische-kriege.html (zuletzt abgerufen 05.09.2019)

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