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Der Wolfgottesacker
© by altbasel.ch

Münchensteinerstrasse 99

Tram 11 - M-Parc / Tram 10 - M-Parc

Bus 36 - Dreispitz / Bus 37 - Dreispitz / Bus 47 - Dreispitz


Zweiter Gottesacker nach dem Kannenfeld

Der Basler Stadtrat hatte einige Jahre gebraucht bis er sich 1866 dazu durchrang zwei neue Friedhöfe ausserhalb der Stadt anlegen zu lassen. Der erste konnte schon zwei Jahre darauf auf dem Kannenfeld eröffnet werden, wo die Einwohnerschaft links des Birsig ihre letzte Ruhe finden sollte. Etwas länger dauerte es mit dem Gottesacker auf dem Wolf für die Quartiere rechts des Birsig. Hier konnte erst ab 1872 bestattet werden.

Die abschliessende Planung am Wolfgottesacker konnte erst zu dem Zeitpunkt beginnen als der letzte Spatenstich auf dem Kannenfeld getan war. Ein Plan zu diesem Friedhof war vom früheren Bauinspektor Amadeus Merian (1808-1889) bereits im Jahre 1865 erstellt worden. Merian hatte in Süddeutschland das lokale Bestattungswesen studiert und die neuesten Erkenntnisse auch in seine Vision vom Gottesacker auf dem Wolf einfliessen lassen.

das portal des wolfgottesackers an der muenchensteinerstrasse

Das Portal an der Münchensteinerstrasse mit seinen drei Bögen von der Friedhofsseite her gesehen. Erbaut nach Entwürfen von Johann Jakob à Wengen, 1964 vom Abriss bedroht aber schliesslich gerettet und renoviert.

Erde vom Bruderholz

Das Wolffeld welches für den Friedhof ausgesucht wurde lag zwischen der St.Jakobsstrasse und der Münchensteinerstrasse. Leider war die Bodenbeschaffenheit hier nicht ideal und es gab eine natürliche Senke welche die ganze Planung aus dem Gleichgewicht brachte. Der Boden muss bestimmte Eigenschaften haben, um die Verwesung Bestatteter zu fördern. Darüber hatte man sich früher kaum Gedanken gemacht, was oft unappetitliche Folgen hatte.

Um bessere Bedingungen zu schaffen, liess man wagenweise Erde vom Bruderholz bringen um das Wolffeld aufzuschütten. Damit war man bis Oktober 1870 soweit fertig, dass sich die Gärtner an die Gestaltung des künftigen Friedhofsareals machen konnten. Langsam nahm der Gottesacker Gestalt an. Der Haupteingang lag am Südende an der Münchensteinerstrasse. Nach Entwürfen von Johann Jakob à Wengen (1815-1875) entstand dort das dreibogige Eingangsportal.

An die Flanken des Portals waren ein Verwaltungs- und ein Gärtnerflügel angebaut. Am Südende bildete die Friedhofsmauer ein angeschnittenes Oktogon, ähnlich dem Grundriss eines Kirchenchors (was durchaus beabsichtigt war). Während an der westlichen Schrägseite das Portal erbaut wurde, entstand auf der östlichen Seite das Leichenhaus. Beide Gebäude wurden aus Berner Sandstein geschaffen und sind in neobyzantinischem Stil gehalten.

Die Prachtkapelle die es nie gab

Als krönender Mittelpunkt hätte sich im Zentrum des angeschnittenen Oktogons eine prächtige Abdankungskapelle erheben sollen, doch daraus wurde nichts. Als zentrales Gebäude hätte diese Kapelle den Friedhof dominieren sollen, aber zunächst hatte man den Bau aus finanziellen Erwägungen zurückgestellt. Dann liess man das Kapellenprojekt solange in der Schublade vergammeln, bis es dann schliesslich von selbst verblich.

Wie ein Gruftdeckel aus Asphalt erinnert das leere Rondell zwischen Leichenhalle und Portal an die unrealisierte Kapelle. Die Toten bahrte man in einer improvisierten Kapelle auf, die ihren Platz im Leichenhaus hatte - anstelle eines vorgesehenen Sezierraumes. Die Gestaltung der für den neuen Gottesacker wichtigen Grünflächen wurde in die Hände von Stadtgärtner Georg Lorch gelegt, der schon beim Kannenfeldgottesacker gewirkt hatte.

das leichenhaus des wolfgottesackers im neobyzantinischen stil

Das Leichenhaus im neobyzantinischen Stil. Hier wurde anstelle eines Sezierzimmers eine provisorische Kapelle eingerichtet, weil die Abdankungskapelle aus finanziellen Gründen nicht gebaut wurde.

Die eigentliche Bestattungsfläche befand sich im nördlichen Teil des Gottesackers. Hier legte Lorch Erfahrung und Können hinein. Der Nordeingang gab schon in der Planungsphase zu reden. Besorgte Stimmen gaben zu bedenken dass die schöne neue St.Jakobsstrasse zur "Leichenstrasse" würde, was den Wert der nahen Liegenschaften mindern würde. Dem wurde in den Basler Nachrichten entgegnet, ob sich das fromme Basel seiner Toten schäme?

Sorgfältige Gestaltung

An den Friedhofmauern nach Westen und nach Osten legte man ausgemauerte Gräber an. Dort sollten die Verblichenen betuchter Familien ihre letzte Ruhe finden. Entsprechend diesem Kundenkreis bemühte man sich hier um ein ansprechendes Gesamtbild. Die Grabreihen entlang den Mauern wurden grosszügig mit verschiedenen Laubbäumen und Sträuchern aufgelockert. Geschwungene Kiesweglein führten zu lauschigen Ruheplätzen in dieser Idylle.

Die Krönung bildeten zwei künstliche Teiche an denen sich dekorative Felsformationen erhoben, belebt von dichter Vegetation. Im Zentrum der Bestattungsfläche lagen die billigen Plätze. Wer hier begraben wurde musste sich mit einer weniger romantischen Ambiance begnügen. In den wenig kreativ gestalteten Grabfeldern lagen an den Gehwege die Reihengräber. Hier gab es keine öffentliche Bepflanzung, die Kundschaft durfte keine hohen Ansprüche haben.

Am 23. Mai 1872 läuteten um 13.00 Uhr die Glocken des Münsters und der Elisabethenkirche zur Eröffnung der Feierlichkeiten zur Einweihung des Wolfgottesackers. Beim Sommerkasino versammelten sich drei Stunden später die geladenen Gäste zum festlichen Umzug zum neuen Friedhof. Am Portal spielte die Musik zur Begrüssung der Gäste und ein Chor unterstrich die Bedeutung des Anlasses. Die erste Beerdigung fand am folgenden 3. Juni statt.

Einer ungewissen Zukunft entgegen

Ein Jahr nach seiner Eröffnung wurde der Wolfgottesacker zum Hindernis in den Plänen der Schweizerischen Centralbahngesellschaft. Diese plante in unmittelbarer Nachbarschaft den heute noch bestehenden Rangier- und Güterbahnhof. Diesen Plänen stand der Friedhof im Weg. Wie ein Damoklesschwert schwebten die Projekte der Bahn über dem Gottesacker, so dass das Sanitätsdepartement eine Verlegung des Friedhofs in Erwägung zog.

das grabmal von helene rosine la roche auf dem wolfgottesacker

Links Ansicht des 1880 errichteten Grabmals der mit drei Jahren verstorbenen Helene Rosine La Roche. Rechts Detail:In einer rührenden Szene nehmen Engel das tote Kind aus seinem Bettchen und tragen es liebevoll hinweg. Arbeit des mailänder Bildhauers E.Bulli.

Vorsorglich gab es wegen der ungewissen Lage ab September 1874 keine Beisetzungen mehr. Der ganze Bestattungsbetrieb von Grossbasel lastete nun auf dem Gottesacker Kannenfeld. Im Jahr darauf wurde der Friedhofseingang an der St.Jakobsstrasse geschlossen, weil die Bahn dort einen Rangierbahnhof errichtete. Als feststand, wo das Bahnhofsgelände liegen sollte, war klar dass der Nordteil des Friedhofs geopfert werden musste.

Im Juni 1879 wurde der Friedhof wieder eröffnet. Im Jahr darauf ging ein bedeutender Teil der unteren Partie des Gottesackers an die Centralbahn. Den verlorenen Boden glich man aus, indem an der West- und Ostflanke angebaut wurde. Damit ging der sorgfältig geplante Grundriss verloren, denn nun sah das Ganze von oben kaum noch nach einer Kirche mit Chor aus. Eher lassen sich darin die Umrisse einer Waschschüssel mit Wasserhafen erkennen.

Grabmäler vom Kannenfeld

Beim Portal an der Münchensteinerstrasse entstand 1915/16 das Wagendepot der Basler Strassenbahnen und ein Wohnhaus für Angestellte. 1929 musste die Zufahrt zum Friedhof mit ihrer Lindenallee erneut Opfer bringen, man kürzte sie wegen neuer Gleise zum Depot. Am nach 1880 angefügten Westteil des Friedhofs wurden 1957 über 1200 Quadratmeter abgetrennt damit die Firma Bahnhof-Kühlhaus ein Lagerhaus errichten konnte.

Zuwachs gab es mit der Aufhebung der Friedhöfe Horburg und Kannenfeld 1951. Bereits zuvor hatten viele Grabeigentümer ihre Gräber auf den Wolfgottesacker umquartieren lassen. 1953 kamen achtzehn besonders erhaltenswerte Grabmäler vom Kannefeld hierher. Es gab auch umgekehrte Fälle - fast vierzig Jahre nach seinem Tod zog Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) 1936 an einen ruhigen Platz auf dem neuen Friedhof am Hörnli.

Mittlerweile hatte der Zahn der Zeit deutlich sichtbar am Eingangsportal genagt, so dass die Regierung im Jahr 1964 unsensibel beschloss es abzureissen und an seiner Stelle ein popeliges Eisengitter zu errichten. Das brutale Ansinnen im Zeichen der Sparsamkeit wurde zum Glück von der Staatlichen Heimatschutzkommission und der Öffentlichen Basler Denkmalpflege vereitelt. Im folgenden Jahr wurde das Portal einer Renovation unterzogen.

grabmaeler von johann caspar horger und der familie schetty auf den wolfgottesacker

Links das 1901/02 geschaffene Grabmal von Johann Caspar Horber. Die trauernde Frauengestalt aus Marmor von August Heer wurde 1901 preisgekrönt. Rechts Grabmal der früheren Familie Schetty-Haas mit dem sinnenden Marmorengel aus der Werkstatt von Isidoro Pellegrini. Der Bildhauer aus Stabio war der Vater zweier in Basel bekannter Künstler.

Der Friedhofsname verschwindet aus Tramnetz

In den 90er Jahren erkannte der Regierungsrat den Wolfgottesacker als eine besonders erhaltenswerte Anlage. Ein 1990 abgeschlossenes wissenschaftliches Inventar, erstellt von Anne Nagel (auf deren Fachpublikation auch dieser Beitrag beruht), führt 1130 Gräber auf, von den ersten Tagen bis in die 20er Jahre. 600 Gräber wurden als besonders wertvoll eingestuft. Kurz vor der Jahrtausendwende erlitt der Gottesacker eine weitere Schmach.

Die Tramstation "Wolfgottesacker" wurde nach einem nahen Konsumtempel umbenannt. Auf dem Gottesacker finden sich die Grabmäler prominenter Personen der Vergangenheit. Der Mediziner Carl Gustav Jung der ältere (1794-1864), der Historiker Rudolf Wackernagel (1855-1925), der Kunstmaler Ernst Stückelberg (1831-1903) oder der Rechtsgelehrte und Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen (1815-1887) sind hier mit ihren Grabmonumenten vertreten.

Erwähnt sei auch Gustav von Bunge (1844-1920), ab 1886 als Professor für physiologische Medizin in Basel. Als Feind des Alkohols gab er der Abestinenzbewegung neue Impulse und propagierte den globalen Siegeszug des Süssmostes. Er forderte dass Diener der Volksgesundheit dem Alkohol zu entsagen hätten. Zu seiner Beisetzung auf dem Wolf kamen Katholiken, Heilsarmisten und rote Jungburschen, nahezu die ganze Riege der Antialkoholiker.




Beitrag erstellt 10.07.03 / Layout angepasst 26.07.10

Quellen:

Othmar Birkner, "Friedhof - Bestattungspark - Volksgarten", publiziert in Gärten in Basel, herausgegeben von der Öffentliche Basler Denkmalpflege, Basel, 1980, ISBN 3-85556, Seite 44

Othmar Birkner/Hanspeter Rebsamen, Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920: Basel, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern, 1986, Seite 186

Rolf Brönnimann, Basler Bauten 1860-1910, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1973, ISBN 3-7190-0624-7, Seite 149

Paul Koelner, Basler Friedhöfe, Verlag der National-Zeitung, Basel, 1927, Seiten 81 bis 82

Anne Nagel, Der Wolfgottesacker in Basel, Schweizerischer Kunstführer GSK, Serie 54, Nr. 532, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, o.V., Bern, 1993, ISBN 3-85782-532-4

Artikel "Zur Geschichte und Gestalt des Wolf-Gottesackers", publiziert in der National-Zeitung, 18. Juli 1965

Artikel "Sanierungsarbeiten auf dem Wolf-Gottesacker", publiziert in der Basler Zeitung, 8. Juli 1978

Artikel "Denkmalschutz für den Gottesacker auf dem Wolf?", publiziert in der Basler Zeitung, 12. September 1986

Artikel "Der Wolfgottesacker ist schützenswert", publiziert in der Basler Zeitung, 19. März 1991

engel

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